1/2021
UNIZEIT
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Arena der Autokraten

Fußballweltmeisterschaften in der Wüste, Olympische Spiele in China, wo man dafür die Bevölkerung enteignet und ganze Berge versetzt? Sportliche Großveranstaltungen sind in den letzten Jahrzehnten zu riesigen wirtschaftlichen Unternehmen mit überaus fragwürdigen Praktiken geworden. Wirtschaftshistoriker Walter Iber kennt die Gründe für diese Entwicklungen.

Für die Fußball-WM in Katar 2022 wurden Stadien mitten in der Wüste erreichtet.

„Die angesprochenen Auswüchse sind tatsächlich nur die Endpunkte einer Entwicklung in einem langen historischen Prozess“, erzählt der Forscher. So habe die Kommerzialisierung des Sports bereits vor mehr als hundert Jahren begonnen. Bis 1920 sei dabei in der „Embryonalphase der Konsumgesellschaft“ das Fundament gelegt beziehungsweise die Infrastruktur für die wirtschaftliche Entwicklung geschaffen worden. Bereits früh sei das Potenzial der Werbung im Sport erkannt worden, zuerst im US-Baseball. Aber auch in Österreich gab es bereits 1924 die erste Profi-Fußballliga. Diese Entwicklungen wurden zwar durch die Krisen rund um den Zweiten Weltkrieg unterbrochen, jedoch machte ebendieser den Sport in den Jahren des Wiederaufbaus dann zu einem nationalen Anliegen. Mit staatlicher Förderung wurde er nicht nur massentauglich, sondern darüber hinaus auch identitätsstiftend. „Karl Schranz und Franz Klammer waren damals in Österreich wohl die größten Idole und haben mit ihren Leistungen die Popularität des Breitensports ganz massiv unterstützt“, berichtet Iber über menschenleere Straßen, während Klammer 1976 in Innsbruck zu olympischem Gold brauste. Danach habe sich der Staat immer mehr aus dem Sport zurückgezogen, es folgte die totale Kommerzialisierung. „Mit dem Amateur-Paragrafen bei Olympischen Spielen fiel auch die letzte Bastion.“ Das Internationale Olympische Komitee (IOC) sei zu einem gigantischen Vermarktungs-Unternehmen geworden. In Sotschi 2014 bei „Putins Winterspielen“ wurde erstmals die Grenze von zwei Milliarden Dollar für die TV-Übertragungsrechte übersprungen.

Prestigeprojekte
Bereits im 20. Jahrhundert wurden sportliche Großveranstaltungen als Werbe- und Propaganda-Plattformen für totalitäre Regime missbraucht. „Schon 1934 bei der Fußball-WM im Mussolini-Italien, bei Olympia 1936 im Hitler-Deutschland oder 1978 bei der WM im von einer Militär-Junta regierten Argentinien war das der Fall“, blickt Iber zurück. Momentan entstehe aber massiv der Eindruck einer Zuspitzung dieser Entwicklung, nachdem das Interesse an einer Austragung in demokratischen westlichen Ländern stark gesunken sei. „In Zeiten steigenden Umweltbewusstseins ist das nationale Prestige stark in den Hintergrund gerückt. Zudem rentieren sich diese Veranstaltungen nicht mehr, und die SteuerzahlerInnen müssen für die Defizite aufkommen.“ 2017 stimmte mehr als die Hälfte der TirolerInnen gegen eine Olympiabewerbung Innsbrucks für 2026, in der Steiermark wurden diese Bestrebungen nach massivem Gegenwind gar noch vor einer Volksbefragung eingestellt. „In autoritären Systemen ist die Durchsetzung dieser Projekte wesentlich leichter, weil dort diese öffentlichen Debatten erst gar nicht geführt werden“, bringt es der Wissenschafter auf den Punkt:


Problem Korruption
Immer häufiger stehen bei der Vergabe von Großveranstaltungen intransparente Netzwerke im Mittelpunkt. Selbst „Kaiser“ Franz Beckenbauer, zuerst für die Fußball-WM 2006 in Deutschland als Heilsbringer gefeiert, blieb davon nicht verschont. Adidas etwa hatte ab den 1970er-Jahren eine eigene sportpolitische Abteilung, die Einfluss auf die Zuteilung von Sportevents nahm. „Bereits die Entscheidung für Olympia 1980 in Moskau war von Absatzchancen gesteuert, und es wurden lukrative Ausrüsterverträge selbst mit der UdSSR und der DDR abgeschlossen“, so Iber weiter. „Die damaligen wechselseitigen Boykotte taten diesen Entwicklungen keinen Abbruch.“
Die Korruption hat jedenfalls das Streben von Machthabern nach der Ausrichtung von Veranstaltungen und damit dem Schaffen einer Bühne für sich begünstigt. Auch der Knalleffekt, als im Vorfeld der Olympischen Spiele 2002 in Salt Lake City Schmiergeldzahlungen an IOC-Mitglieder für ein wohlwollendes Voting publik wurden, führte zu keinem grundlegenden Umdenken. „Bisherigen Bemühungen, wie dem Einsetzen einer so genannten unabhängigen Ethikkommission, war kein nachhaltiger Erfolg beschieden“, meint Iber dazu.

Reformbedarf
Aufgrund dieser Entwicklungen sei jedenfalls mit einer weiteren Zuspitzung zu rechnen. „Das Paradoxe ist: Obwohl die Öffentlichkeit immer genauer hinsieht, nehmen exotische Austragungsorte geradezu überhand“, konstatiert der Forscher. Angekündigten Reformen wie der Koppelung solcher Großveranstaltungen an Nachhaltigkeitskonzepte seien bisher kaum Taten gefolgt. 


„Das derzeitige System läuft wie ein gut geöltes Getriebe und wird vom Streben nach Geld, Ruhm und Prestige genährt. Wer richtungsweisende Reformen durchsetzen will, wird jedenfalls einen sehr langen Atem brauchen.“

von Joachim Hirtenfellner

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