1/2021
UNIZEIT
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Führungs-Kraft

Ein sportlicher Wettkampf kann recht viel über die Führungspersönlichkeit verraten. Nachzulesen seit 2800 Jahren in Homers Ilias. Anhand der darin berichteten „Leichenspiele“ zeigt Althistoriker Peter Mauritsch, dass schon damals längst nicht nur Muskelkraft zählte. Der antike Held Achilles beweist seine Leadership auch durch Einfühlungsvermögen, Interessensausgleich und Weitblick. Eigenschaften, die heutzutage bei ChefInnen geschätzt werden.


Trauerarbeit einmal anders. Vor Troja stirbt der Grieche Patroklos, und sein Freund Achilles organisiert sportliche Wettkämpfe. Auch wenn man über das Warum Bände füllen könnte, religiöse Motive spielen auf jeden Fall eine Rolle. Derartige „Leichenspiele“ sind nicht nur literarisch überliefert. „Sie sind historisch belegt. Und lassen sich möglicherweise sogar bis in die Mykenische Zeit, also bis ins zweite Jahrtausend vor Christus zurückverfolgen“, weiß Mauritsch, Assistenzprofessor am Institut für Antike. Manche ForscherInnen sehen in diesen „Sport-Events“ sogar den Ursprung der Olympischen Spiele.
Zurück zu den Wettkämpfen vor Troja, die Achilles zu Ehren seines Weggefährten veranstaltet. Das Epos verschafft dem Protagonisten eine Bühne, auf der er sich als Führer hervortun kann, interpretiert der Wissenschafter. „Achilles hat ja zehn Jahre lang geschmollt, nicht gekämpft und damit Vertrauen verloren.“
In vielen Versen galoppieren dann Pferde um die Wette, fliegen Fäuste im „Boxring“, Pfeile durch die Luft. Mit reger Teilnahme von Homers Stars, wie Odysseus, und großzügigen Preisen. Mauritsch: „Als Beweis für die wirtschaftliche Potenz des Veranstalters.“ Fixe Wettkampfregeln gibt es übrigens nicht. Da Achilles als Veranstalter zugleich den Schiedsrichter gibt, sind seine sozialen und psychologischen Kompetenzen gefordert. Der Geisteswissenschafter erinnert an eine Szene beim Wagenrennen: „Achilles kalmiert den heftigen Streit zwischen Menelaos, dem Ehemann der schönen Helena, und Antilochos wegen einer unfairen Aktion beim Wagenrennen.“ Weil den Sportlern kein eindeutiger Wurf gelingt und die Zuschauer sich langweilen, beendet Achilles den Ringkampf als unentschieden. „Bei seinen Entscheidungen schaut er stets aufs Volk, um Unmut gegen sich sowie untereinander zu verhindern“, schildert der Historiker. „Er hat zwar die Macht, missbraucht sie aber nicht.“
Schlussendlich zieht Achilles an der Spitze der Griechen in den Krieg. Nicht allzu lange, wie man weiß. Die berühmte Ferse wird dem Helden zum Verhängnis.

von Andreas Schweiger

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