1/2021
UNIZEIT
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Schrittmacher

Bye-bye Serien-Marathon, hallo Walking-Runde! Wie Sportmuffel leichter von der Couch aufstehen und wie viel Bewegung wir brauchen, um gesund zu bleiben, wissen Sylvia Titze und Mireille van Poppel.


Wenn sprechen möglich ist, singen aber nicht mehr: Diesen Zustand nennen SportwissenschafterInnen „mittlere Bewegungsintensität“. Erwachsene sollten pro Woche zwischen 150 und 300 Minuten auf diese Weise verbringen, um die Gesundheit optimal zu fördern. Wenn jemand auf weniger kommt, ist das aber kein Grund, sich in völlige Passivität zurückzuziehen. Sylvia Titze: „Sogar geringe körperliche Aktivität beeinflusst unsere physische und mentale Gesundheit nachweislich positiv.“ Aber was, wenn Motivation gänzlich fehlt? Wenn gar keine Sportart einladend erscheint? Oder wenn man glaubt, weder Zeit noch Möglichkeiten für regelmäßige Bewegung zu haben?


Chancen im Alltag 
„Der Umstieg auf ein aktives Leben kann schwer sein. Aber er ist schaffbar. Wichtig ist, dass Familie, Freunde, PartnerInnen und das Arbeitsumfeld unterstützen“, unterstreicht Mireille van Poppel. Die Forscherinnen zählen mögliche HelferInnen auf: Eine Freundin, die statt eines Fernsehabends eine gemeinsame Jogging-Runde vorschlägt. Ein Kollege, der uns die beste Radroute zur Arbeit zeigt. Ein Unternehmen, das sportliche Pausen ermöglicht. Eine Abteilungsleitung, die Besprechungen unter vier Augen bei einem Spaziergang anbietet. „Wichtig ist aber die Freiwilligkeit. Sonst läuft man Gefahr, Bewegung als Zwang zu empfinden“, ergänzt Titze. Die Ausrede, „keine Zeit für Sport“ zu haben, will sie so nicht gelten lassen: „Wir alle können unsere Gewohnheiten hinterfragen und ändern. Man kann kurze Strecken mit dem Rad zurücklegen, fixe Gehminuten einplanen, indem man früher aus den Öffis aussteigt, oder sich Treppensteigen statt Liftfahren angewöhnen.“ Das bringe für die Gesundheit mehr als Kurzhanteln, die nach einem Motivations-Hoch zuhause verstauben, unterstreicht die Expertin.


Gemeinsame Verantwortung 
Manchmal, so räumen beide Forscherinnen ein, sind alltägliche Umstände aber bewegungsfeindlich: Stiegenhäuser sind in Hotels oft versteckt, Kinder finden in großen Siedlungen mitunter wenig Raum zum Herumtollen, nicht alle Firmen bieten überdachte Radabstellplätze an. „Jede zusätzliche Hürde lenkt Menschen wieder zurück in die Inaktivität. Deshalb braucht es auf politischer Ebene klare Bekenntnisse für mehr Bewegungsmöglichkeiten im täglichen Leben. Dazu gehören kluge Antworten auf Fragen wie: Wie planen wir eine Infrastruktur, die persönliche Aktivität fördert? Wie gestalten wir den öffentlichen Raum oder Parks und Spielplätze so, dass sie für viele Zielgruppen einladen, sich dort zu bewegen?“, fasst van Poppel zusammen. In Dänemark oder in ihrer Heimat, den Niederlanden, gibt es, so weiß die Forscherin, beispielsweise sehr viel mehr Radwege, die von Verkehrsstraßen und Gehsteigen getrennt und damit auch breiter sind. „Das ist objektiv sicherer. Dieses Gefühl ist eine wichtige Voraussetzung dafür, umzusatteln.“ 


Vorschläge für alle 
Zurück zu den 150 bis 300 Minuten Bewegung pro Woche. „Das ist eine gute Faustregel für gesunde Erwachsene. Wer die Fitness verbessern möchte, sollte Dauer, Häufigkeit und Bewegungsintensität gezielt steigern“, rät Titze. Für unterschiedliche Gruppen – etwa Jüngere, Ältere oder Menschen mit Behinderung – gelten leicht angepasste Aktivitätsvorschläge. Die genauen Aufschlüsselungen sind in den gerade aktualisierten  österreichischen Bewegungsempfehlungen zu finden. Sylvia Titze leitete die Arbeitsgruppe dahinter und unterstreicht: „Wir beginnen bewusst bei Kindergartenkindern, die sich täglich mindestens drei Stunden spielerisch bewegen sollten. Auf diesem Fundament fußt eine gesunde körperliche und geistige Entwicklung.“ Und: Wer schon früh mitbekommt, dass Bewegung Spaß macht, nimmt dieses Gefühl oft ganz selbstverständlich durch das gesamte Leben mit.

von Gerhild Leljak

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