1/2021
UNIZEIT
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Dem Kopf Beine machen

Zeigen Marathonläufer auch im Job mehr Durchhaltevermögen? Sind Teamspielerinnen die besseren Chefinnen? Was bringt der Profisport für die Karriere danach? „Zahlreiche Studien belegen Zusammenhänge zwischen athletischer und gesellschaftlicher beziehungsweise beruflicher Leistung“, bringt es Sebastian Ruin auf den Punkt. Dass sportliche Errungenschaften wirtschaftliche Höhenflüge einleiten können, will er daraus allerdings nicht direkt schließen: „Ob es diese angenommenen Transfereffekte tatsächlich gibt, oder die wechselseitigen Erfolge einfach an der Persönlichkeit liegen, wird man vermutlich nie beweisen können“, so der Professor für Bewegungs- und Sportpädagogik. Unbestritten ist für ihn aber das enorme – und bislang vielleicht unterschätzte – Bildungspotenzial des Sports.


Wir lernen, indem wir unser Umfeld erkunden, indem wir uns mit der Welt auseinandersetzen, und dafür müssen wir in Bewegung sein. „Durch sportliche Betätigung befasse ich mich auf ganz spezifische Weise mit mir selbst und meinen eigenen Handlungen“, führt Sebastian Ruin aus. Menschen beobachten dabei ihre körperlichen Tätigkeiten differenziert und nicht zuletzt auch aus der Distanz: „Ich versuche beispielsweise beim Basketball einen Korb zu werfen, treffe nicht, und bemühe mich dann, dieses Problem zu lösen.“ Diese Analyse der eigenen Bewegung und ein entsprechendes Arbeiten an sich selbst sind sehr gewinnbringend. Mit anderen zu kooperieren, sich zu messen, zu reiben, im Wettbewerb zu stehen, ist darüber hinaus für die Entwicklung der Kinder wichtig, besonders in der Pubertät. „Sie können über sich hinauswachsen, lernen sich besser kennen und machen die Erfahrung von Sieg und Niederlage“, schildert der Pädagoge. Dass die Jugendlichen jetzt schon über Monate kaum Gelegenheit dazu haben, sieht er äußert problematisch – in gesundheitlicher, psychologischer und gesellschaftlicher Hinsicht. Der Sport – ob in der Schule oder außerhalb – habe nämlich großes Potenzial, die individuelle und soziale Entwicklung zu fördern und Veränderungen anzustoßen (siehe auch  Zusammenspiel).

Hirn-Jogging
Dass regelmäßige Bewegung das Lernen fördert, kann auch Psychologe Andreas Fink belegen. „Das Gehirn gewinnt in jenen Bereichen, die für die Gedächtnisleistung wichtig sind, an Volumen. Dadurch können wir schneller schalten und besser denken“, fasst er zusammen. Nicht nur das, Laufen macht auch gute Laune. In einer aktuellen Studie ließ der Forscher Personen zwischen 20 und 30 über 14 Tage verteilt sieben Mal für jeweils eine Stunde in der Natur joggen. Nach diesen zwei Wochen zeichnete sich eine Linderung depressiver Symptome ab. „Bewegung wirkt verschränkt: auf der einen Seite bauen wir physisches Gehirnvolumen auf. Auf der anderen Seite erleben wir unseren Körper als gestaltbar. Selbstwirksamkeit wird selten so klar ersichtlich wie hier“, erklärt der Psychologe. Aktivität – zum Beispiel eine Laufrunde in Arbeitspausen – fördert außerdem die Kreativität, weil neue Reize oft auch neue Ideen mit sich bringen.
Auch andere Sportarten können die Psyche positiv beeinflussen, wie eine Untersuchung an Personen mit Suchtproblemen zeigte. Regelmäßiges Slackline-Training gab ihnen nicht nur die körperliche Balance zurück, sondern stimulierte auch Schaltkreise im Gehirn, die für das räumliche Vorstellungsvermögen oder andere Denkleistungen wichtig sind, berichtet der Forscher.

Das richtige Maß

Sport – wen das Wort erschreckt, darf auch „regelmäßige Bewegung“ sagen – ist also ein Mittel, das gegen viele Krankheiten hilft und länger gesund hält. Kann man den Bogen auch überspannen? „Sicher“, meint der Psychologe, „auch hier lauert ein Optimierungszwang, der in unserer Leistungsgesellschaft sowieso bedenklich stark zunimmt.“ Wer ständig Rekorde brechen will und sich per Smartwatch rund um die Uhr beobachtet, läuft Gefahr, soziale Kontakte einzuschränken und dem Körper die notwendigen Erholungsphasen zu verweigern. „Letztlich darf der Spaß nie verloren gehen. Nur, wenn wir Freude an der Bewegung, an persönlichen Fortschritten und an einem guten Körpergefühl haben, kann Sport ein lebenslanger, angenehmer Begleiter werden – ganz ohne Überwindung“, resümiert Fink.

von Dagmar Eklaude und Gerhild Leljak

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