3/2020
UNIZEIT
10/12

Kompetent im Netz

Der verantwortungsvolle Umgang mit Informations- und Kommunikationstechnologien sollte schon in der Schule erlernt werden, damit junge Menschen bereits vor dem Eintritt ins Berufsleben über eine digitale Grundbildung verfügen, die sie gegen Cyber-Angriffe und Fake News widerstandsfähig macht. Die nötigen Kompetenzen zu vermitteln ist Ziel des vom Land Steiermark finanzierten Projekts „Digital? Sicher!“, das Kathrin Otrel-Cass leitet. Die ForscherInnen entwickeln und evaluieren eine spielerische Lern-App für das Training von Cyber-Security und Awareness im Datenumgang. Der Ansatz des „Serious Gaming und Fallbeispiele aus der steirischen Wirtschaft sollen die Attraktivität des Trainings erhöhen, das auf Jugendliche der Oberstufe abgstimmt ist. Schulen sind eingeladen, sich an der App-Entwicklung zu beteiligen, damit die Teenager auch Einblicke in diesen Prozess erhalten.
Das zweijährige Projekt wird von der Universität Graz (Institute für Pädagogische Professionalisierung und Soziologie sowie Center for Business Analytics and Data Science), dem Know-Center und der Logo Jugendmanagement GmbH durchgeführt.
digitalsicher.uni-graz.at

Die Allerjüngsten finden mit wenigen Wischern ihr Lieblingsspiel auf dem Smartphone. SchülerInnen scheinen ohnehin nur noch über Geräte zu kommunizieren. Folglich geht man davon aus, dass sich die sogenannten Digital Natives in der virtuellen Welt perfekt orientieren können. Dem ist aber nicht so, berichtet Jugendforscherin Natalia Wächter: „Auch Medienkompetenz muss gelernt werden. Daher gilt es, diese Inhalte fachübergreifend in den Lehrplänen unserer Schulen zu verankern.“
Die PädagogInnen müssen sich nicht nur aus der Sicht eines Unterrichtsgegenstands, sondern interdisziplinär mit diesen Themen auseinandersetzen. Dabei sollten sie zwar eine kritische Haltung zur Digitalität lehren, den neuen Medien aber nicht grundsätzlich ablehnend gegenüberstehen. „Diese bringen nämlich sehr spannende, neue Dimensionen in den Unterricht“, meint Kathrin Otrel-Cass vom 
Institut für Bildungsforschung und PädagogInnenbildung. „Mit digitalen Technologien können Beobachtungen nämlich auch aufgezeichnet, wiederholt und mit anderen geteilt werden“, spricht sie einen ganz wesentlichen Aspekt an. Und mit der Möglichkeit eines auf diesen Beobachtungen basierenden Storytellings bekommt dann die eigene Stimme mehr Gewicht.
„Früher haben die SchülerInnen ihre Geschichten für ihre LehrerInnen geschrieben, heute erreichen sie über die sozialen Medien mit ihren Meinungen eine breite Leserschaft“, schildert Otrel-Cass. Die Grundfrage sei, wie digitale Medien einen Mehrwert im Unterricht schaffen können und so das Bildungssystem der Zukunft prägen können. „Digitale Kommunikationplattformen müssen als Räume für die Bearbeitung verschiedenster Aufgaben gesehen werden. Auf Social Media vertreten zu sein ist für die jungen Menschen inzwischen unerlässlich geworden, um Anschluss zu finden oder zu halten.“

Sicher surfen
Die größte Herausforderung für Jugendliche bei der Nutzung moderner Kanäle ist die Frage, wem man dort vertrauen kann. Otrel-Cass leitet ein interdisziplinäres Team von ForscherInnen, das sich mit diesem Thema befasst. Zur Beantwortung der Frage müssen sich die SchülerInnen kritisch damit auseinandersetzen, was mit den Daten passiert, die sie von sich preisgeben. Bei ihren alltäglichen Online-Recherchen wird von den Applikationen und Suchmaschinen mithilfe diffiziler Algorithmen ein Profil von ihnen erstellt. Als Ergebnis sehen sich die Jugendlichen dann gezieltem Marketing ausgesetzt. So werden sie auf Basis ihres Profils beispielsweise mit Informationen mit politischem oder finanziellem Inhalt bespielt.
„Das ist eine sehr manipulative Form, oft werden diese Neuigkeiten vom Bekanntenkreis geteilt oder kommen aus anderen scheinbar vertrauenswürdigen Quellen“, beschreibt Otrel-Cass. Für die richtige Einschätzung von digitalen Inhalten – vor allem von Bildern und Videos – sei viel Anleitung nötig.
Natalia Wächter bekräftigt das: „Es braucht Übungen, die erkennen lassen, wann es sich bei einem Posting beispielsweise um Werbung handelt.“
Auch das Thema Datenschutz ist ein immer wichtigeres. „Was darf ich teilen, was darf ich auf welchem Wege weitergeben? Welche Kommentare sind verletzend?“, spricht Wächter Fragen des Cybermobbings an. Hier sei zwar ein grundsätzliches Bewusstsein vorhanden, in den Sozialen Medien passiere aber natürlich schneller ein Verstoß. Wobei die Qualität von digitalen Informationen grundsätzlich nicht schlechter sei als in Tageszeitungen oder anderen Printmedien. „Für alle Veröffentlichungen gilt der Grundsatz, dass Verkürzung nicht gut ist“, konkretisiert die Forscherin.

Gemeinsame Verantwortung
Neben den LehrerInnen kommt auch den Eltern bei der Erziehung zur digitalen Awareness eine besondere Bedeutung zu, weil die sozialen Kanäle vor allem auch außerhalb der Schule genutzt werden. „Wir müssen gemeinsam besser ergründen, was im Leben unserer Kinder wichtig ist“, meint Otrel-Cass. Die Erziehungsberechtigten müssen auch ihre Expertise und Erfahrungen in den Diskussionsprozess einbringen. „Wenn Mutter und Vater immer nur den mahnenden Zeigefinger erheben, werden sie bald nicht mehr ernst genommen“, berichtet die Pädagogin. Allerdings
wüssten Eltern im Detail zu wenig über die Nutzen und Gefahren des World Wide Web. „Wir müssen gemeinsam lernen und nicht moralisieren“, bringt Otrel-Cass die Herausforderungen der Zukunft auf den Punkt.
Die technische Kompetenz der Jugendlichen sei zwar sehr hoch, die Nutzung der moderner Errungenschaften aber oft einseitig. „Digitale Medien sind für die Kinder zu eigenen Lebenswelten geworden. Und hier brauchen sie dringend Anleitung von Erwachsenen“, teilt Wächter diese Einschätzung. 

von Joachim Hirtenfellner

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