3/2020
UNIZEIT
8/12
© Christa Strobl

Gretchenfrage

Sie denken nur an sich, ignorieren gesellschaftliche Werte und glauben an gar nichts mehr. So urteilen viele über die Einstellung junger Menschen. Andererseits wird die Religion schnell als Ursache festgemacht, wenn es zu sozialen Konflikten oder gar Zusammenstößen kommt. Wie hält es die heutige Jugend tatsächlich mit Glaubensfragen? Theologe Wolfgang Weirer kennt ihre Ansichten und Motive.


In puncto Bindung an die katholische Kirche sehe ich einen irreversiblen Traditionsabbruch“, lautet die für so manche Verantwortlichen wohl ernüchternde Diagnose des Religionspädagogen Wolfgang Weirer. Es fehlen schlichtweg die Anknüpfungspunkte zur Lebensrealität der Teenager und Twens. Dennoch stehe der Nachwuchs der österreichischen Mehrheitsgesellschaft Religion generell positiv gegenüber. „Die meisten Jugendlichen sind in einem weiteren Sinn durchaus gläubig und an theologischen Fragen interessiert. Das Gebet und eine höhere Macht spielen für sie eine Rolle – auch wenn sich ihr Gottesbild von dem überlieferten mitunter stark unterscheidet“, fasst der Wissenschafter zusammen.

Do it yourself
Glaubensvielfalt ist für die meisten jungen Menschen in Österreich zur Selbstverständlichkeit geworden. Verschiedene spirituelle Konzepte stehen gleichwertig nebeneinander. „Daraus picken sie sich heraus, was ihnen als praktisch erscheint. Ganz nach dem Motto: Ich bastle mir meinen Lebensglauben selber“, schildert der Religionspädagoge. Weniger als die tatsächlichen Inhalte beschäftigen die Teens die Fragen „Was bringt mir das? Wie schaue ich damit aus?“
Dass sich Kinder von der christlichen Kirche nichts mehr sagen lassen, heißt keinesfalls, dass sie deren Werthaltungen ablehnen. „Umweltbewegungen, Fridays for Future oder die vegane Welle fordern ebenfalls Respekt vor der Schöpfung ein“, nennt Weirer Beispiele. Häufig stößt er bei SchülerInnen auch auf die Überzeugung, man werde einmal Rechenschaft ablegen müssen für die eigene Lebensweise. „Die heute Jungen sind keinesfalls unglücklichere oder unmoralische Menschen, wenn sie der Kirche den Rücken zugekehrt haben“, stellt der Theologe fest. Eines bleibt in seinen Augen aber bei der privaten Spiritualität doch auf der Strecke: „das zusammen Feiern, die Gemeinschaft, die einen trägt, Rückhalt und Geborgenheit gibt“. Junge Menschen benötigen funktionierende soziale Beziehungen, Vorbilder, einen sicheren Hafen, in dem sie angenommen werden, so wie sie sind.
Gewisse institutionelle Eckpfeiler sucht die Nachwuchs-Generation offenbar dennoch. Wolfgang Weirer beobachtet eine Sehnsucht nach bestimmten Ritualen in sich verändernden Lebenssituationen: „Nach wie vor gibt es viele christliche Taufen und Hochzeiten, und selbst überzeugte KirchengegnerInnen wollen beispielsweise den Gottesdienst im Rahmen der Maturafeier nicht missen“, berichtet er. Auch die Abmeldungen vom katholischen Religionsunterricht bewegen sich seit Jahren konstant im niedrigen einstelligen Prozentbereich. Das Fach sei übrigens keinesfalls der verlängerte Arm der Kirche, wie der Theologe betont. „Es hat ein Orientierungsangebot in einer komplexen Welt zu liefern, das steht in jedem Lehrplan.“ In der Schule müsse über den persönlichen Glauben und die private Religiosität der Jugendlichen gesprochen werden. Beispiele aus der Heiligen Schrift und Antworten aus der christlichen Tradition sollen ein Angebot sein – neben anderen Wegen der individuellen Lebensgestaltung. Was die Teenager davon berührt oder ihnen hilft, die Fragen des eigenen Lebens zu beantworten, müssen sie für sich herausfinden. „Wenn Jugendliche am Ende ihrer Schulkarriere begründet sagen können, diese Religion habe für sie keine Bedeutung, hat der Unterricht auch sein Ziel erreicht“, fasst der Pädagoge zusammen. Nachsatz: „Wenn sie vom Gegenteil überzeugt sind, natürlich ebenso.“

Verbundenheit

Betrachtet man junge Menschen mit Migrationshintergrund, ist die institutionalisierte Religion für sie – im Unterschied zur Mehrheitsgesellschaft – meist doch ein Identitätsmarker. Das gilt für MuslimInnen, Orthodoxe, aber auch KatholikInnen aus dem Balkanraum oder Osteuropa. Die konfessionelle Zugehörigkeit spielt für sie eine ähnliche Rolle wie die Sprache oder das Aussehen. „Einerseits lässt sich das durch die stärkere Tradition erklären, andererseits durch die soziale Situation in Österreich“, so Weirer. Besonders im Islam sind Religion und Alltag stark miteinander verwoben, weshalb sich MuslimInnen eher mit ihrem Glauben identifizieren. „Der Prozess der Säkularisierung beginnt da erst langsam“, beobachtet der Theologe.
Ausschreitungen wie in Paris, Stuttgart oder Wien, bei denen Jugendliche unterschiedlicher islamischer Gruppierungen aufeinandertrafen, sieht der Pädagoge jedoch nicht primär religiös motiviert. „Das ist eine einfache, vorschnelle Zuschreibung“, meint er. Bei genauerer Betrachtung sehe man soziale Probleme, eventuell auch Langeweile, jedenfalls Marginalisierung – aufgrund von Glaubens- oder ethnischer Zugehörigkeit.
„Natürlich gibt es auch religiös radikalisierte Jugendliche, und zwar nicht nur im Islam, sondern auch im Christentum. Aber sie sind eine Minderheit im europäischen Kontext“, unterstreicht Weirer. Toleranz, Offenheit und vor allem der Wunsch nach Frieden stünden bei den meisten im Vordergrund, Gewalt werde von einer großen Mehrheit abgelehnt. „Allerdings sagen auch 58 Prozent der in einer deutschen Studie befragten jungen Menschen, dass ihnen islamische Gruppen Angst machen. Ein gewisses Konfliktpotenzial ist also nicht zu leugnen“, ergänzt Weirer.
Die Schule sieht er in der Pflicht, die Ursachen für derartige Konflikte auszuräumen. Der Religionsunterricht habe Werthaltungen zu entwickeln, um anderen Überzeugungen mit grundsätzlichem Respekt und Toleranz zu begegnen, so lange eine bestimmte Linie nicht überschritten wird: „Bei antidemokratischen Bewegungen, sexuellem Missbrauch oder generell Gewalt muss man selbstverständlich eine klare Grenze ziehen.“

von Dagmar Eklaude

 

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