3/2020
UNIZEIT
6/12

"Ich vermisse das Handeln der Politik"

Katharina Rogenhofer hat die Fridays-for-Future-Bewegung nach Österreich geholt und das Klimavolksbegehren mit initiiert. Was die Jugend erreichen kann und wo sie besser unterstützt werden sollte, berichtet die 26-Jährige im Interview.


Greta Thunberg und ihre AnhängerInnen wurden vielfach belächelt. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht? Wird man in Österreich als junger Mensch ernst genommen?

Ich höre schon sehr oft – oder bekomme es zwischen den Zeilen vermittelt –, dass man erst einmal studieren oder einen Beruf ergreifen soll, bevor man am politischen Diskurs teilnimmt. Aber wenn die Jugendlichen jetzt nicht kämpfen, wer macht es dann? Und die Fridays-for-Future-Bewegung hat gezeigt, dass auch Teenager ernst genommen werden, wenn sie für ein Thema immer und immer wieder eintreten und genügend Rückhalt aus der Bevölkerung bekommen.


Ein häufiger Vorwurf an die Klima-Streikenden ist, dass sie zwar demonstrieren und Petitionen unterschreiben, aber selbst nicht nach ihren Forderungen handeln. Ist das so?

Ich frage: Wie perfekt kann man sein? Viele von uns kaufen bewusst Second-Hand-Kleidung, essen fleischlos und verzichten auf das Fliegen. Wir fordern Rahmenbedingungen, die allen ein klimafreundliches Leben ermöglichen. Aktuell braucht man dafür mehr Geld und mehr Zeit. Diese Hürden im System gehören abgebaut. Deswegen haben wir auch das Klimavolksbegehren initiiert.


Engagiert sich die Jugend ausreichend für die Gesellschaft?

Es geht natürlich immer mehr, aber gerade in meinem Bereich passiert wahnsinnig viel, und das ist unglaublich bereichernd. Bei der Organisation unserer Streiks und Demos greifen so viele Hände zusammen. Es braucht Vernetzung, Abstimmung und Logistik. SchülerInnen recherchieren bei ForscherInnen die Inhalte ihrer Reden, alle können mit ihren Talenten etwas beitragen. Da lernen wir – ich schließe mich keinesfalls aus – jedes Mal enorm viel Praktisches. Was ich vermisse, ist das Handeln der Politik. Obwohl der Druck der WählerInnen mittlerweile groß ist, reagiert sie beim Klimaschutz viel zu langsam.


Welche Themen bewegen junge Menschen Ihrer Beobachtung nach?

Natürlich ist es der Klimaschutz, der ein großes Zukunftsthema ist. Generell geht es um Fragen der Gerechtigkeit und auch der sozialen Teilhabe. Jugendliche stört es beispielsweise, dass sie wenig Mitspracherecht bei Entscheidungen haben, die ihre Zukunft betreffen.


Zum Klimaschutz: Reicht das Wissen der Teenager und Twens aus?

Es braucht noch mehr. Manche setzen sich auch in ihrer Freizeit intensiv mit der Thematik auseinander. KlimawandelleugnerInnen bin ich bei den Jugendlichen noch nicht begegnet, das ist positiv. Aber in den Schulen wird – wie generell bei gesellschaftspolitischen Themen – zu wenig Input vermittelt. Die naturwissenschaftlichen Phänomene und Zusammenhänge kennen die meisten, aber politische und wirtschaftliche Konsequenzen vieler Maßnahmen oder überhaupt die Möglichkeiten, sich selbst beispielsweise in Umweltorganisationen zu engagieren, bleiben ausgeblendet. Das ist ein großes Manko.


Die Universität Graz gehört international zu den führenden Institutionen in der Klimaforschung. Wie weit kommt das auch in der Bevölkerung an und was muss noch getan werden?

Die Forschungen sind schon weithin bekannt, ich selbst habe bereits mit dem Klimaphysiker Gottfried Kirchengast und der Juristin Eva Schulev-Steindl intensiv zusammengearbeitet. Die Universität Graz ist auch vorbildlich darin, dass sie für die eigenen Treibhausgasemissionen einen Reduktionsplan erarbeitet hat. So etwas fehlt den meisten Bildungseinrichtungen. An Schulen wie Unis muss der Klimawandel noch viel stärker in der Lehre verankert werden – etwa in den Rechts-, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften, also außerhalb der einschlägigen Studien. Außerdem müssen die Universitäten mit gutem Beispiel vorangehen, sich mit anderen Institutionen vernetzen und schauen, wie sie selbst klimafreundlicher werden können. Da gibt es ein riesiges Potenzial. Und extrem wichtig: Die WissenschafterInnen müssen Stellung beziehen, etwa zur völlig unzureichenden Klimapolitik in Österreich, wie das beim nationalen Klimaschutzplan passiert ist. Ein offener Brief von 26.000 deutschsprachigen KlimaforscherInnen hat auch den Fridays for Future extrem geholfen. Die Fachleute sollen Allianzen schmieden mit Bewegungen, selbst nach vorne treten und politische Aussagen tätigen, um die Forderungen der Jugend zu untermauern.

von Dagmar Eklaude 


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