3/2020
UNIZEIT
9/12
© Christa Strobl

Social Fiction

Ein rätselhaftes Universum mit enormer Bedeutung und weitreichenden Folgen sowohl für die Jugend als auch für die Gesellschaft: Social Media. Wie funktioniert das mächtige Instrument aus Nullen und Einsen? Eine Hashtag-Reise zwischen Memes, Likes und Echokammern mit Elke Höfler als kritisch hinterfragender, aber zuversichtlicher Reiseleiterin.


#visuallanguage
Verkürzt. Fehlerhaft. Wortkarg. Die Postings und Kommentare der Jugendlichen in den sozialen Medien scheinen weit entfernt von belletristischen Ergüssen oder Literaturpreisen. Hingegen greifen sie auf bildhafte Zeichen zurück. Enttextlichungen wie Emojis, Memes und Sprachnachrichten empfindet Elke Höfler vom Institut für Romanistik als besonders spannend: „Es ist eine andere Kommunikationskultur, die stark auf visuellen Elementen aufbaut und eigene codierte Regeln innerhalb dieser Gruppe aufweist. Bild und Text gehen oft einen Verbund ein, vervollständigen also gemeinsam die Aussage und ergeben dadurch einen neuen Sinn. Das erkennen Erwachsene nicht immer und kopieren falsch, was Jugendliche wiederum als besonders schlimm und uncool empfinden.“
Die Befürchtung, Sprache könnte verkümmern, teilt die Wissenschaftlerin nicht: „Solange Wortkonstruktionen wie „I bims“ nicht die einzige sprachliche Option darstellen, braucht man keine Angst vor defizitären Erscheinungen zu haben.“ Um dies auch weiterhin sicherzustellen, brauchen Jugendliche nach wie vor Idole, beispielsweise NachrichtensprecherInnen, die sich vielleicht mehr an Goethe und Faust orientieren als an „nicen dudes“.

Die visuelle Lesefähigkeit oder visuelle Kompetenz, also die bewusste Auseinandersetzung mit Bildern und mit Interpretationen von Bildbotschaften, ist ein entscheidendes kommunikatives Element in den sozialen Medien.

#ichganzspontan
„Keine Likes bekommen”, beschreibt die Fachdidaktikerin das Worst-Case-Szenario für Jugendliche auf Social Media. Denn nur wer Herzchen und Daumen erntet, kann in der Konkurrenzgesellschaft Instagrams bestehen. Dazu muss man auch dementsprechenden Content säen: Bikini-Pics im azurblauen Meer, einen ganz spontanen Schnappschuss beim Workout und Life-is-easy-Boomerangs mit der Freundin, die die meisten Follower hat. „Schlanke, lachende, auf ihre Ernährung achtende Menschen, die keine Probleme haben und andere an ihrem perfekten Leben teilnehmen lassen. Eine Welt der Singularitäten“, beschreibt Elke Höfler die verfälschende Instagram-Kultur, die bishin zu Identitätsschwierigkeiten führen kann. „Das ständige Sich-Messen erzeugt ein Gefühl der Unzulänglichkeit. Alles muss dokumentiert und geteilt werden. Selbstdarstellung schlägt Authentizität. Man versucht anderen zu gefallen und vernachlässigt die eigenen Wünsche und Bedürfnisse. Damit gehen Achtsamkeit und Selbstwirksamkeit verloren. Das auf Social Media gezeigte Leben hat wenig mit dem realen zu tun.“ Es zeichnet sich laut Höfler ab, dass es immer weniger außergewöhnliche Charaktere gibt, dafür mehr genormte. Eine der damit verbundenen Herausforderungen für die heranwachsende Generation könnte in zunehmender Unzufriedenheit oder Orientierungslosigkeit liegen. „Viele Jugendliche haben gelernt, zwei Identitäten – im Social-Jargon „Profiles“ – nebeneinander zu haben: eine HR-taugliche und eine, um sich zu stilisieren“, weiß die Forscherin.

#positivism #influencing
Selbstinszenierung und Stilisierung hat auch seine positiven Seiten: „Bewegungen wie Fridays for Future oder Black Lives Matter wurden erst durch Social Media groß. Früheres Nischenverhalten hat eine neue, größere Dimension angenommen.“ Damit ist auch der Gruppenzwang gemeint. In der erstgenannten Klima-Bewegung spielt dieser Aspekt laut der Wissenschaftlerin nicht selten eine größere Rolle als die idealistische Motivation.

#fake #or #real
Auch in einseitiger oder falscher Berichterstattung geht es laut der Forscherin um die Dimension. Filterblasen und darin vorherrschende Meinungen gibt und gab es auch außerhalb der sozialen Medien. Die damit verbundene Gefahr, die öffentliche Meinung durch Falschinformation zu beeinflussen, ist nicht neu. Alarmierend ist die auf uns einprasselnde Qualität und Quantität dieser Manipulation, die laut der Social-Media-Forscherin besonders in der sogenannten „Echokammer“ präsent sind: „In den sozialen Medien kann jede und jeder die eigene subjektive Meinung sowie Falschmeldungen kundgeben und sich Gleichgesinnte suchen, ein redaktionelles, objektives System gibt es da nicht.“

Studien zeigen, dass Jugendliche zwischen gefilterten und ungefilterten Bildern nur schwer unterscheiden können.

#rolemodels
Fake News als solche zu erkennen, ist vor allem für Kinder und Jugendliche nicht einfach. Elke Höfler sieht hier starken Handlungsbedarf in der PädagogInnenausbildung und kritisiert die nicht ausreichende digitale Grundausbildung: „Soziale Medien nicht totschweigen, sondern in den Unterricht integrieren, bewusste Analyse und kritische Betrachtung unterschiedlicher Quellen“, zählt die Wissenschaftlerin einige Möglichkeiten zur Kompetenzförderung zum Erkennen von Fake News auf. Ein Auftrag ist zudem, auf direktes und indirektes Product Placement von InfluencerInnen aufmerksam zu machen, zum Beispiel auf der Videoplattform YouTube. Die oft gleichaltrigen ProtagonistInnen besitzen starken Einfluss auf das Kaufverhalten von Teenagern – was Unternehmen gezielt nutzen.
Nicht nur LehrerInnen werden in die Verantwortung als Vorbilder genommen: „Jugendliche spiegeln das Verhalten, das ihnen Eltern, oder generell Erwachsene, auf sozialen Medien vorleben. Dadurch kann jede und jeder von uns negativ, aber auch positiv zur Entwicklung der digitalen Plattformen beitragen.“

Instagram, TikTok und Snapchat sind laut Safer-Internet-Studie die meist genutzten Kanäle auf Social Media in Österreich.

#samesamebutdifferent
„Instagram, Snapchat und TikTok aus dem Leben zu verabschieden, ist für Jugendliche schwierig. Sie schätzen dennoch nach wie vor persönliche Kontakte und lesen Bücher“, weiß die Fachdidaktierin. Für sie stellt die virtuelle Welt keine Einschränkung, sondern eine Erweiterung dar, die viele Chancen birgt. Denke man nur an die Vorteile, den man in der Lock-Down-Situation während der Corona-Pandemie daraus gewonnen hat.
Dennoch sollte man sich der realen Gefahren in der Cyberwelt bewusst sein und deren Macht sowie Reichweite nicht unterschätzen. Es ist ein täglicher Auftrag an uns alle, nicht nur unserer Jugend beizubringen, mit Maß und Ziel, reflektiert und bewusst, soziale Medien zu konsumieren und die vielseitigen Einsatzmöglichkeiten sinnvoll zu nutzen. Dazwischen darf und soll der Konsum aber auch rein der Unterhaltung dienen.

Elke Höfler beschäftigt sich unter anderem mit Fiktionsforschung, medien gestützter Fachdidaktik, Sprachlehrforschung und Social Media. Die am Institut für Romanistik Lehrende möchte digitale Medien in der Ausbildung vorantreiben, beispielsweise als Gründungsmitglied der „Bildungspunks“. Sie bloggt unter digitalanalog.at und ist auf Twitter als @lacknere bekannt.

von Christina Koppelhuber

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