3/2020
UNIZEIT
5/12
© Christa Strobl

Die Bewegung Fridays for Future macht vielen Hoffnung: Die junge Generation wird die Wende zu einer nachhaltigen Gesellschaft einleiten. Doch das ist wohl etwas zu kurz gedacht. Ilona OttoProfessorin für Gesellschaftliche Folgen des Klimawandels an der Universität Graz, findet die Initiative toll und hat die Organisation auch schon mit Vorträgen unterstützt. Gleichzeitig aber macht sie sich keine Illusionen: „Nicht allen, die an den Protesten teilnehmen, ist der Kampf gegen den Klimawandel ein ehrliches Anliegen. Einige gehen einfach hin, weil sie es cool finden, andere stimmen den Anliegen zwar grundsätzlich zu, ändern ihr Verhalten im Alltag aber nicht.“ Darüber hinaus hat die Bewegung ihrer Meinung nach eine Schwachstelle: „Sie erregt zwar Aufmerksamkeit, aber mir fehlen konkrete Ideen“, kritisiert Otto und verweist als Gegenbeispiel auf die Bewegung Extinction Rebellion, die in Großbritannien vorgeschlagen hat, BürgerInnen-Komitees mit VertreterInnen aus allen Bevölkerungsgruppen einzurichten, um gemeinsam an Lösungen zu arbeiten. „Da die Veränderungen, die wir brauchen, unser aller Leben betreffen, macht es Sinn, Menschen aus sämtlichen Gesellschaftsbereichen in die Entscheidungsfindung mit einzubeziehen. Sonst wird es schwierig, breite Akzeptanz zu erreichen“, unterstreicht die Sozialwissenschafterin.

Alter und Emissionen
Ein kleiner ökologischer Fußabdruck ist nicht unbedingt Ergebnis einer umweltfreundlichen Einstellung, sondern häufig Folge eines niedrigen Einkommens. „An repräsentativen Daten aus Deutschland haben wir gesehen, dass die Lebensstil-Emissionen ansteigen, wenn junge Menschen ihre erste Arbeit finden, von zuhause ausziehen, eine Familie gründen“, berichtet Ilona Otto. „Erst ab 65, mit der Pensionierung, sinken die Emissionen wieder.“
Gar nicht vorbildlich sind die jungen Erwachsenen etwa beim Thema Fliegen. „Laut Studien aus dem anglo­amerikanischen Raum sind die 25- bis 34-Jährigen die bei weitem emissionsintensivste Gruppe, was Flugreisen betrifft“, weiß Thomas Brudermann vom Institut für Systemwissenschaften, Innovations- und Nachhaltigkeitsforschung, der sich unter anderem mit Entscheidungsverhalten befasst.
Bei der Ernährung zeigt sich ebenfalls eine Abnahme der CO2-Intensität mit dem Alter. „Das liegt daran, dass vor allem junge Männer viel Fleisch essen, und Ernährung in erster Linie mit Gesundheitsbewusstsein in Verbindung steht. Letzteres steigt mit den Lebensjahren“, so Brudermann. Die wachsende Zahl von VegetarierInnen unter jungen Erwachsenen schlägt sich noch nicht in der Gesamtbilanz dieser Gruppe nieder.
„Viele Entscheidungen, die Menschen um die 30 treffen, von der Größe der Wohnung bis hin zum Autokauf, definieren den Lebensstil für die kommenden Jahrzehnte. Es wäre wichtig, dass ihnen das bewusst wird“, betont Ilona Otto und weist darauf hin, dass dafür ein Werte- und Normenwandel stattfinden muss. Wichtig seien entsprechende Vorbilder. „Jugendliche finden ihre Idole bei Influencern und Celebrities auf Instagram und YouTube. Es gibt dort zwar einige, die sich gegen den Klimawandel stark machen, aber der dominierende Trend konzentriert sich auf Mode, Reiche, Luxus und Jetset“, bedauert Otto und mahnt: „Wir alle bestimmen Trends damit, wem oder was wir Aufmerksamkeit, Klicks und Likes schenken!“

Wissen und Handeln
Dass eine umweltfreundliche Einstellung nicht automatisch zu entsprechendem Verhalten führt, weiß Raffaela Miglbauer aus eigener Erfahrung. Die Studierende im Master „Sustainable Development“ weiß sehr viel über den Klimawandel und seine Auswirkungen und auch darüber, was man dagegen tun kann. Daher versucht sie recht konsequent, nachhaltig zu leben. „In einigen Bereichen fällt es mir leicht, ich bin beispielsweise Vegetarierin“, sagt Miglbauer. „Ich kaufe auch möglichst verpackungsfrei ein, um Müll zu vermeiden.“ Soziale Nachhaltigkeit ist für sie ebenfalls ein Thema, etwa in Bezug auf faire Mode. Weil sie geringe finanzielle Mittel zur Verfügung hat, muss sie allerdings auf den Preis achten, was die Möglichkeiten einschränkt. Daher organisiert sie sich ihre Kleidung fast ausschließlich über Tauschbörsen. Wie so viele macht sie eine Ausnahme beim Fliegen: „Darauf zu verzichten fällt mir sehr schwer, weil ich sehr gerne reise“, gibt die 23-Jährige zu und auch, dass sie hier Ausnahmen macht. Was bleibt, ist das schlechte Gewissen – obwohl sie konsequenter nachhaltig lebt als ihre meisten FreundInnen und Bekannten.

Die Rolle der Jugend
Laura Wallnöfer hat im Rahmen ihrer Masterarbeit die Rolle Jugendlicher für nachhaltige Entwicklung untersucht. Dazu hat sie Mädchen und Burschen einer Pfadfindergruppe befragt. „In meinen Interviews mit den Zehn- bis 16-Jährigen und ihren Eltern habe ich festgestellt, dass Nachhaltigkeit für die Jugendlichen oft einen höheren Stellenwert hat als für die Erwachsenen und dass die Kinder ihre Eltern dahingehend positiv beeinflussen können“, berichtet die Forscherin. Gründe dafür sieht sie in der Bildungsarbeit der Schule, aber auch durch Vereine. Aktuell leisten auch Fridays for Future einen bedeutsamen Beitrag: „Durch diese Bewegung sehen die Jugendlichen, dass sie etwas verändern können und auch sollten. Nun ist es an der Politik, ihnen Möglichkeiten der Mitsprache zu geben.“ (Siehe auch 
Zueinander finden)
In welcher Form sie diese aktuell nützt, untersucht Bildungswissenschafterin Natalia Wächter, die sich schwerpunktmäßig der Jugendforschung widmet. „Zukunftsängste sind die stärksten Antreiber“, weiß sie. Die größten Sorgen bereiten der Nachwuchsgeneration laut aktuellen Studien noch immer Umweltverschmutzung und Klimawandel, und das trotz Corona. Das Engagement spielt sich häufig im eigenen Wohnzimmer ab, „Slacktivism“ und „Clicktivism“ sind weit verbreitet: Man kann online aktiv sein, während man faul – wie ein „Slacker“ – auf der Couch herumlungert und mit ein paar Klicks Petitionen unterschreibt oder politische Inhalte teilt. „Soziale Medien bieten einen leichten Zugang und klare Ziele“, erklärt Wächter. Überragende Bedeutung haben nach wie vor Instagram und Snapchat. Aber selbst auf TikTok, wo früher ausschließlich unverfängliche Spaßpostings geteilt wurden, mangelt es mittlerweile nicht an politischen Statements. 

von Gudrun Pichler und Joachim Hirtenfellner

Hoch motiviert?
Natalia Wächter über die Interessen der Jungen

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