3/2020
UNIZEIT
7/12
© Christa Strobl

Zueinander finden

Den Jungen auf Augenhöhe begegnen. Zuhören, was sie zu sagen haben. Dem verinnerlichten Geschlechter-Beigeschmack auf den Zahn fühlen. Wenn Teenager ernst genommen werden und politische Entscheidungen auf ihre Bedürfnisse abgestimmt werden, haben alle etwas davon.


Sie dürfen Wählen, Autofahren und werden strafrechtlich zur Verantwortung gezogen. Jugendliche besitzen Rechte, die auch EntscheidungsträgerInnen genießen. Dennoch werden sie oft nicht für voll genommen. Libora Oates-IndruchováProfessorin für Geschlechterverhältnisse, zeigt auf, wie die gesamte Gesellschaft davon profitieren würde, wenn Bestimmungen und Gesetze auch für die gemacht werden, die sie betreffen. Praktiziert wird das jetzt schon in nordeuropäischen Ländern, die in Sachen Gleichberechtigung und gesellschaftliche Inklusion häufig als Positivbeispiele genannt werden. Was dort anders ist? Skandinavien betreibt diesbezüglich systematische Reflexion. Dort wird mit VertreterInnen aller Gruppen in Dialog getreten. Dazu zählen ethnische Minderheiten, Jugendliche, Frauen.

Eine Stimme geben
„Es ist wichtig, zu erkennen, was die Jugend für die Gesellschaft beitragen kann, und sich nicht immer nur auf seltene negative Assoziationen – wie Drogenabhängigkeit und Teenager-Schwangerschaft – zu konzentrieren“, plädiert Oates-Indruchová. „Wenn wir den Jungen eine Stimme geben, bringt das die Inklusion weiter und stärkt damit die Demokratie.“
Es gibt bereits ein Vorzeigeprojekt in Wien, das genau das tut: Heranwachsende Frauen werden gefragt, ob und warum sie sich in Parks nicht sicher fühlen, was sie sich von solchen Orten erwarten und wünschen. Damit soll wieder mehr Platz für Mädchen in innerstädtischen Erholungsgebieten und generell im öffentlichen Raum geschaffen werden. Die Geschlechtersoziologin wünscht sich mehr von solchen Initiativen. Denn: Es geht um die künftig arbeitende Generation, die der jetzigen die Pensionen zahlen wird.

Träge Tradition
„Studentinnen berichten mir in meinen Lehrveranstaltungen von denselben Problemen, die auch ich schon 1990 erleben durfte“, erzählt die aus Tschechien stammende Wissenschaftlerin, „jedoch arbeiteten Frauen in meinem Heimatland schon immer Vollzeit, genauso wie die Männer. In vielen anderen Bereichen waren wir trotzdem nicht gleichberechtigt.“ Tief verwurzelte Kultur treibt Veränderung und damit systematische Reflexion von Inklusion – zum Nachteil der Gleichberechtigung – nur schwer voran. Was Letztere betrifft, braucht es laut Oates-Indruchová unter anderem familienfreundliche Politik, die konsequent umgesetzt werden muss. Der Nutzen für die Gesellschaft steht für die Soziologin außer Frage: „Zivilisationen, durch die wir Menschen uns von anderen Spezies unterscheiden, schöpfen aus dem vollen Potenzial all ihrer Mitglieder.“ Männer und Frauen müssten sich gleichermaßen darum bemühen, die Welt ausgewogen zu gestalten.
Wie lässt sich die Kultur und der Zugang zur Gleichberechtigung noch ändern? „Eine meiner Aufgaben an Studierende ist der Besuch im Spielzeugladen. Erst dort realisieren sie, wie rosa die Puppen und wie blau die Matchbox-Autos sind. Oft sogar viel rosaroter und blauer noch, als sie in meiner Kindheit waren“, nennt die Forscherin ein Beispiel, um darauf aufmerksam zu machen, wie verinnerlicht Geschlechterrollen in unserer Kultur sind. „Für Kinder ist es wichtig dazuzugehören. Sie sind sehr sensibel für Gruppenzwang und Identität.“ Die Geschlechtersoziologin beteuert die Wichtigkeit von Vorbildern, die es gutheißen, wenn Mädchen mit Autos und Burschen auch mit Puppen spielen. Anders gesagt: das machen, wo­rauf sie Lust haben, und nicht den stereotypen Weg einschlagen oder von anderen aufgezwungen bekommen. „Wenn man seine eigene Persönlichkeit annimmt und nicht jemand anderen zu kopieren versucht, führt das allgemein zu mehr Zufriedenheit“, betont Oates-Indruchova und fügt hinzu: „Dabei haben es beide Geschlechter gleich schwer, bei Mädchen kommt es vielleicht nur in einer größeren Intensität zum Ausdruck.“

Zusammenleben auf Augenhöhe
Eine Gesellschaft wird danach beurteilt, wie sie ihre Minderheiten behandelt. Kommen diese zu kurz, schwächt das die Demokratie. „Man fragt nicht nur die größte Gruppe, sondern bezieht alle in den Entscheidungsprozess ein“, mahnt die Soziologin. Dann habe man auch eine starke, gesunde Gesellschaft, die alle darin lebenden Personen repräsentiere. 2020 sollte das kein Luxus mehr, sondern Notwendigkeit sein. Ohne eine solche Politik im Sinne der Gleichberechtigung könne die Bevölkerung nicht zufrieden sein, und das soziale Gefüge gerät ins Wanken.
„Es ist toll, dass die junge Generation erst unlängst in den Fridays for Future aufgestanden ist und ihr endlich auch zugehört wird!“, unterstreicht Oates-Indruchová. Die systematische Reflexion, so wie sie Skandinavien beim Thema Inklusion betreibt, beginnt …

von Christina Koppelhuber 

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