3/2020
UNIZEIT
7/12
© Christa Strobl

Sich suchen

Noch einmal jung sein! Eine Antwort, die man oft zu hören bekommt, wenn man ältere Menschen nach einem Wunsch fragt. Vielleicht steckt dahinter die Sehnsucht, wieder alle Möglichkeiten offen zu haben, oder wird Vergangenes verklärt. Tatsache ist: Die Jugend ist für die meisten alles andere als eine unbeschwerte Zeit. Das galt früher und ist heute genauso. Und obwohl sich gesellschaftlich einiges verändert hat, sind die wesentlichen Herausforderungen die gleichen geblieben.
Wenn in der Pubertät die Hormone das Steuer übernehmen, sorgen die körperlichen Veränderungen wie auch das erwachende Interesse an der Sexualität für emotionale Turbulenzen und große Unsicherheit. Auf der Suche nach Orientierung flüchten sich Teenager – mehr noch als ältere Personen – in stereotype Rollen. Sich so zu verhalten, wie das Männer und Frauen vermeintlich tun, gibt Halt.

Starker Mann, schöne Frau
Ursula Athenstaedt forscht mit ihrem Team unter anderem zur Bedeutung und den Auswirkungen von Geschlechterstereotypen. „Wir alle schreiben uns im Selbstkonzept stereotype männliche und weibliche Charakteristika zu“, weiß die Sozialpsychologin. Als männlich gelten etwa Selbstbewusstsein, Unabhängigkeit und Stärke. Einfühlsamkeit und Beziehungsorientierung werden hingegen als traditionell weibliche Eigenschaften bezeichnet. „Eine möglichst ausgewogene Verteilung ist für die psychische Gesundheit förderlich“, betont Athenstaedt.
In der Pubertät überwiegen eher geschlechterkongruente Zuschreibungen. Das mag verwundern, angesichts der doch beträchtlichen gesellschaftlichen Veränderungen in Bezug auf die Geschlechterverhältnisse innerhalb der letzten zwei bis drei Generationen. Doch in dieser Phase des Heranwachsens gelten offenbar andere Gesetze. „Für junge Männer ist es sehr schwierig, ihre weibliche Seite anzunehmen, weil diese das Maskuline zu bedrohen scheint“, erklärt Athenstaedt. Im Sport oder in nerdigen Computer- beziehungsweise Videospielen finden sie einen sicheren Rückzugsort. „Mädchen hingegen können sich schon früher als ihre Altersgenossen auch männliche Eigenschaften zuschreiben“, berichtet die Forscherin. Im Großen und Ganzen bestimme aber trotzdem ein recht traditionelles Frauenbild ihre Idealvorstellung: schön zu sein, mit langen Haaren und einer guten Figur.

Perfektes Objekt
Lisa rückt ihren Rock zurecht, zupft am Ausschnitt, neigt den Kopf leicht und deutet einen Kussmund an. Die perfekte Pose, dann wird abgedrückt und das Selfie in die WhatsApp-Gruppe geschickt. Die 14-Jährige liebt es, sich in Szene zu setzen, probt das immer wieder vor dem Spiegel, so wie ihre Freundinnen auch.
„Selbst-Objektifizierung“ nennt das Ursula Athenstaedt und meint damit ein Phänomen, das die Jugendlichen der Gegenwart doch von vorangegangenen Generationen unterscheidet: „Die Mädchen und Burschen betrachten sich heute in erster Linie als Objekte und bewerten sich folglich fast ausschließlich anhand ihres Aussehens. Innere Qualitäten, Charaktereigenschaften und Interessen treten in den Hintergrund. Das gilt für andere ebenso wie für die eigene Person.“
In der Pubertät orientieren sich Jugendliche generell sehr stark an dem, was andere, vor allem die Gleichaltrigen, von ihnen denken. Wichtig ist für sie, gut anzukommen. Kritik kann in dieser Zeit besonders verletzend sein. Im Zusammenhang mit der Selbst-Objektifizierung konzentriert sich dieses Bemühen auf das eigene Äußere, das sie perfektionieren und präsentieren.

Beziehungen mit Benefit
Diese Fokussierung hat ebenso Einfluss darauf, wie erste Partner-Beziehungen eingegangen und gelebt werden. Nicht nur, dass bei dem oder der anderen vor allem das Aussehen zählt, Selbst-Objektifizierung geht auch nicht selten mit narzisstischen Tendenzen einher. Das macht es schwierig, auf den oder die PartnerIn einzugehen und Kompromisse zu akzeptieren.
Den Wunsch nach einer erfüllenden Beziehung gebe es unter den Jugendlichen aber nach wie vor, ist Athenstaedt überzeugt. Die Vorstellungen davon, was erfüllend ist, haben sich allerdings zum Teil verändert. „Häufig steht heute der Nutzen im Vordergrund, in Verbindung mit der Devise, sich möglichst lange alle Optionen offenzuhalten.“ Hier spiegelt sich wohl der Einfluss von Vorbildern und Rollenmodellen wider, wie sie etwa Influencer auf Social Media, Identifikationsfiguren in TV-Serien oder Stars aus der Musikbranche darstellen.
Die Ansicht, dass durch die Verlagerung der persönlichen Interaktion in den virtuellen Raum negative Auswirkungen auf soziale Beziehungen haben, teilt die Psychologin nicht unbedingt: „Wenn die Möglichkeiten von Smartphones und Social Media bewusst, verantwortungsvoll und mit entsprechender Medienkompetenz genutzt werden, können die Technologien Kontakte und den Austausch mit anderen durchaus fördern.“

Sicherer Hafen

Um sich zu finden, die eigene Persönlichkeit entdecken und entfalten zu können, brauchen junge Menschen gute Beziehungen in der Familie, in der Schule, im Freundeskreis. „Wichtig ist das Gefühl, aufgehoben zu sein, unterstützt und angenommen zu werden, so wie man ist“, betont Athenstaedt, die in diesem Punkt die Entwicklung in den letzten fünfzig Jahren positiv beurteilt: „Ich glaube, dass das Eltern-Kind-Verhältnis heute unbelasteter ist als früher, als die Jugendlichen noch mit viel strengeren Normen konfrontiert waren.“
Negative Folgen durch weniger gemeinsame Zeit in der Familie aufgrund der Berufstätigkeit beider Elternteile sieht Athenstaedt nicht zwangsläufig: „Es kommt auf die Qualität der Zeit an, die man miteinander verbringt. Wenn ich meine Kinder unter der Woche zwar erst ab fünf Uhr sehe, dafür aber einen netten Abend mit ihnen verbringe, dazu am Wochenende und in den Ferien viel Schönes erlebe, dann kann ich eine sehr gute Beziehung zu ihnen haben.“ Wesentlich sei, da zu sein, wenn man gebraucht wird, auf die Kinder einzugehen und aufmerksam dafür zu sein, wie es ihnen geht. Hat man eine gute Gesprächsbasis, kann der Nachwuchs seine Probleme auch loswerden. Mit einem Bild gesprochen: „Junge Menschen brauchen einen sicheren Hafen, von dem aus sie ins Erwachsenenalter starten können.“

von Gudrun Pichler

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