2/2020
UNIZEIT
6/9
© Uni Graz/Jesacher

Aufschwung

Das Coronavirus hat weltweit auch die Wirtschaft massiv befallen und die Tücken internationaler Vernetzung offenbart. Ist die Globalisierung gescheitert? Wie kann es wieder bergauf gehen? Und wie gelingt es uns, von den Veränderungen nachhaltig zu profitieren?

von Dagmar Eklaude und Joachim Hirtenfellner


Zuerst fehlten der Industrie die Bauteile, dann wurden Medikamente und Schutz­ausrüstung knapp. Die Covid-19-Pandemie hat uns die Verwundbarkeit der globalisierten Weltwirtschaft deutlich vor Augen geführt. Lieferketten rund um den Erdball, die aus Gründen der Produktions- und Lagerkostenminimierung geschaffen wurden, haben in den letzten Monaten versagt und zu zahlreichen Engpässen geführt. Während die einen laut nationale Autarkie und geschlossene Grenzen forderten, rangen die anderen nach Ausnahmeregelungen für Arbeitskräfte aus Südosteuropa. ForscherInnen der Universität Graz zeigen auf, wie man mit der Stärkung lokaler Versorgung in Zukunft resistenter gegen solche Situationen sein könnte.
Das Zauberwort heißt „Glokalisierung“ – eine Symbiose aus Globalisierung und lokaler Wertschöpfung. Dabei geht es im Wesentlichen um die kluge Verbindung zwischen weltweitem Handel und regionaler Produktion. „Österreich ist hier schon sehr gut aufgestellt und könnte weiter von dieser Entwicklung profitieren“, meint 
Jörn Kleinert vom Institut für Volkswirtschaftslehre.
Es gibt gute Gründe, zukünftig regionale Nachfrage noch stärker regional zu befriedigen. Zum einen wird die Nachhaltigkeitsdebatte noch heftiger geführt werden, auch wenn die Auswirkungen des Klimawandels nicht so unmittelbar sichtbar werden wie die der Corona-Krise. „Leider wird es dagegen niemals einen Impfstoff geben. Wenn wir die Lebensgrundlage für unsere Kinder und Kindeskinder erhalten wollen, müssen wir entschlossen handeln“, unterstreicht Kleinert. Zusätzlich könnten Beschränkungen in der Zoll- und Handelspolitik, wie sie die USA unter Präsident Trump eingeführt haben, Rückenwind für eine regionalere Wertschöpfung bedeuten. Der wesentlichste Faktor, der diese Entwicklung wohl unterstützen wird, ist der technologische Fortschritt, der überall auf der Welt eine billige Herstellung von Gütern erlaubt. „Ein Roboter verursacht keine Lohnkosten“, meint der Ökonom dazu. „Und es ist ihm auch egal, wo er steht.“ Wenn man die problematisch langen Logistikketten also zu hinterfragen beginnt, könnten schon bald Produktionsstätten dezentralisiert und nach Europa oder Österreich zurückgeholt werden.
Wie das funktionieren kann, zeigt etwa die Firma Hage Sondermaschinenbau aus dem steirischen Obdach. Das Unternehmen stellte krisenbedingt binnen kürzester Zeit seine Produktion um und lieferte 3D-gedruckte Notfallbeatmungsgeräte an die regionalen Kliniken. Ein Musterbeispiel für Romana Rauter vom Institut für Systemwissenschaften, Innovations- und Nachhaltigkeitsforschung, die kürzlich mit Arijit Paul und Rupert Baumgartner einen Beitrag zur Glokalisierung publizierte: „Nach diesem Prinzip sollte neben wenigen internationalen, hochwertigen Produktionsstandorten die Herstellung von Waren, die auch lokal erzeugt werden können, regionalisiert werden.“
Die VolkswirtInnen Margareta Kreimer und Rudolf Dujmovits sind ebenfalls überzeugt vom Credo „Think globally, act locally“ – das bereits 1948 postuliert wurde. „Wir müssen die jetzt notwendigen konjunkturpolitischen Maßnahmen und Impulse ganz stark an Fragen der Nachhaltigkeit, des Klimaschutzes und der Regionalität ausrichten“, fordern die beiden. Das staatliche Füllhorn sollte gezielt dafür genutzt werden. „Es darf also kein Zurück zum Wirtschaften wie bisher geben. Maßnahmen wie eine Abwrackprämie für Autos mit Verbrennungsmotoren sind sicherlich kein Anreiz, der in die oben skizzierte Richtung führt“, fügt Dujmovits hinzu.

Chance im Kreislauf
Eine dezentralisierte Produktion alleine löst allerdings noch nicht alle logistischen und ökologischen Probleme. Denn Anlieferungen von Rohstoffen bleiben weiterhin nötig. „Durch die Kreislaufwirtschaft könnten diese im großen Stil reduziert werden“, betont Marc Reimann vom Institut für Produktion und Logistik. Am besten wäre es, zumindest einzelne Teile und Komponenten von nicht mehr gebrauchten Produkten systematisch wiederzuverwenden. Damit stünden sie als Sekundärrohstoffquellen für die Herstellung neuer Dinge zur Verfügung. „Um das zu erreichen, sind gemeinsame Anstrengungen aller nötig“, meint der Forscher. Die KonsumentInnen müssten überzeugt werden mitzumachen, eine Sammellogistik muss aufgesetzt werden, außerdem braucht es noch effektivere Prozesse für die Zerlegung, die Wiederaufarbeitung und das Recycling der Komponenten und Rohstoffe.
„Am besten gelingt das, wenn schon bei der Konstruktion von Gütern auf kaum wiederverwertbare Verbundstoffe verzichtet wird“, ergänzt Dujmovits. Auch Geräte sollten so konstruiert werden, dass sie sich wieder zerlegen und damit auch reparieren lassen. Konkrete Methoden, die das unterstützen sollen, entwickelt das von Rupert Baumgartner geleitete Christian-Doppler-Labor für Nachhaltiges Produktmanagement in einer Kreislaufwirtschaft an der Universität Graz.

Nötige Vernetzung
Die gängige Praxis, dass etwa zunächst das Saatgut, dann die geernteten Kartoffeln und schließlich fertige Tiefkühl-Pommes mehrfach um den Erdball transportiert werden, bevor sie bei den KonsumentInnen landen, sollte also besser heute als morgen aufgegeben werden. Völlig kappen können wir unsere weltweiten Produktions- und Handelsverbindungen allerdings nicht. Für kleinere Länder sind internationale Absatzmärkte nämlich essenziell, und die internationale Arbeitsteilung hat in vielen Bereichen ihren Sinn. Auch die Frage der sozialen Gerechtigkeit darf nicht außer Acht gelassen werden. „Es wäre global gesehen sicher fatal, wenn Millionen NäherInnen in Südostasien ihren Job verlieren“, betont Margareta Kreimer. Als Alternative sieht sie eine Entwicklung von der Wegwerfkultur hin zu nachhaltiger Herstellung unter fairen Bedingungen. „Hier gibt es schon zahlreiche Initiativen, die forciert werden müssen, etwa die Clean-Clothes-Kampagne.“ Auch im Tourismus sollte auf Qualität statt auf billige Masse gesetzt werden. „Unter diesen Gesichtspunkten wäre ein Wochenende in Dubai wohl kein Thema mehr“, ist die Volkswirtin überzeugt.
Den Zusammenhalt in Europa sieht ihr Kollege Jörn Kleinert als unabdingbar für das Florieren unserer Wirtschaft. „Die Konsequenzen eines Zerfalls der EU wären unendlich“, attestiert er. Der blamable Streit um den Haushalt hat gezeigt, dass eine gemeinsame Steuerpolitik dringend notwendig ist. „Leider kommt hier von Österreich aufgrund der aktuellen Position der Regierung zu wenig“, meint er. „Und Ignoranz und Desinteresse sind eine sehr riskante Mischung.“ Zudem war die sofortige Schließung der nationalstaatlichen Grenzen ohne Abstimmung zwischen den Mitgliedsländern ein fatales Zeichen. Hier müsse dringend gegengesteuert werden. Ein Scheitern der Union würde gerade unser Land als einen Hauptprofiteur der europäischen Integration in gewaltige Schwierigkeiten stürzen. „Dagegen wäre Corona lediglich ein Krischen“, so Kleinert dazu.

Jörn Kleinert im Podcast-Gespräch der Reihe "Hör-Saal: 15 Minuten Forschung"