2/2020
UNIZEIT
4/9

Angesichts der Angst

Solidarität oder die eigene Haut retten und sich und den Seinen das größte Stück vom Kuchen sichern? Wie wir auf Bedrohung reagieren, kann variieren, von Mensch zu Mensch und von Situation zu Situation. Dennoch gibt es allgemeine psychologische Mechanismen, die uns in der Krise leiten. Wie sie unser Verhalten beeinflussen, erklären Katja Corcoran und Albert Wabnegger.
Schlagzeilen über das Killer-Virus, Bilder von Särgen, abtransportiert in Militärfahrzeugen – Eindrücke, die Angst machen. Was wir da hören und sehen, ist eine unbekannte Gefahr, die wir nicht einschätzen können. Wir wissen nicht, wie wir darauf reagieren sollen. „In einer solchen Situation orientieren wir uns verstärkt am Verhalten der anderen“, beschreibt Corcoran. So lasse sich unter anderem auch der kollektive Ansturm aufs Klopapier erklären. Besondere Bedeutung bekommt angesichts einer Bedrohung die eigene Gruppe. „Das Selbst definiert sich nicht nur über das Individuum, sondern auch über Gruppenzugehörigkeit“, sagt die Sozialpsychologin. Wenn wir Angst haben, berufen wir uns verstärkt auf Werte und Normen, die uns gemeinsam wichtig sind. „Besonders interessant ist, dass wir, wenn wir uns vor Ansteckung fürchten, konformistischer und in unserer gesellschaftlichen Haltung konservativer werden“, ergänzt Albert Wabnegger und berichtet: „Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass die eigenen moralischen Urteile härter ausfallen, wenn man neben einem Desinfektionsmittelspender steht, und dass wir einen schlechteren Ersteindruck von anderen Menschen haben, wenn wir uns infektionsanfällig fühlen.“

Verhaltensimmunsystem
Die Ursache dafür sieht der Forscher aus dem Bereich der Klinischen Psychologie in dem, was er unser Verhaltensimmunsystem nennt. „Dabei handelt es sich um eine erste Verteidigungslinie, die einen Erreger schon vor dem Eindringen in unseren Körper abzuwehren versucht.“ Es mache uns besonders skeptisch gegenüber Menschen fremder Gruppen, vermutlich um die eigene vor der Einschleppung von Krankheiten zu schützen. „Da das Verhaltensimmunsystem nach dem ‚Better-safe-than-sorry‘-Prinzip arbeitet, also auf Nummer sicher geht, kommt es allerdings auch zu vielen falschen Alarmen“, so Wabnegger. Er verweist auf die allgemeine Skepsis, mit der viele von uns am Anfang der Corona-Krise allem Asiatischen begegneten.

Aus dem Bauch heraus
Wer Angst empfindet, hat weniger Kapazitäten, Argumente zu prüfen und nachzudenken. Bei starker emotionaler Erregung verlassen sich Menschen eher auf ihr Gefühl und ihre Intuition beziehungsweise auf Personen, die ihnen einen Ausweg aufzeigen. Das kann Sinn machen, um einer Bedrohung rasch zu entkommen, birgt aber auch Gefahren, wenn Lösungen nicht mehr kritisch hinterfragt werden. Hinzu kommt, dass Furcht eingesetzt werden kann, um Menschen zu einem bestimmten Verhalten zu bewegen. Mittel dazu ist unter anderem das gezielte Streuen von emotionsgeladenen Inhalten oder Bildern. „Was uns Angst macht, erhält mehr Aufmerksamkeit“, erklärt Corcoran.

Alles unter Kontrolle
„Wenn wir uns ausgeliefert fühlen, suchen wir nach Wegen, wieder Kontrolle über unser Leben zu bekommen“, weiß die Sozialpsychologin. „Beim Coronavirus bot zum Beispiel das Tragen der Maske eine Möglichkeit, die Angst in Schach zu halten.“ Dieses Bedürfnis steht aber auch hinter dem Phänomen der Verschwörungstheorien, die in der aktuellen Krise rund um den Globus immer mehr AnhängerInnen finden. So wird etwa behauptet, Bill und Melinda Gates hätten das Virus in die Welt gesetzt, um die Menschheit mit Zwangsimpfungen zu chippen und unter ihre Herrschaft zu bringen. Eine andere Theorie geht davon aus, dass der Covid-19-Erreger über 5G-Frequenzen übertragen wird, und sieht einen Zusammenhang mit dem Ausbau des Sendernetzes in Wuhan. „Verschwörungstheorien machen die komplexe Realität für uns durchschaubar. Sie geben Erklärungen für beängstigende Vorfälle und haben auch meist eine zu beschuldigende Person oder ominöse Macht, die im Hintergrund die Fäden zieht“, begründet Albert Wabnegger ihren Erfolg. Wenn man zu verstehen glaubt, wie das gefährliche System funktioniert, kann man auch einen Weg finden, sich zu schützen.

Gemeinsam etwas bewirken
Um die Angst zu kontrollieren, müssen wir selbstwirksam bleiben, das heißt, mit unserem Handeln etwas erreichen können. „Selbstwirksamkeit gibt es nicht nur auf der individuellen Ebene, sondern auch in einer sozialen Dimension, bei Problemen, die eine Gruppe von Menschen betreffen und sich nicht alleine lösen lassen“, führt Corcoran aus. „Wenn wir uns hilflos fühlen und erkennen, dass wir eine kollektive Wirksamkeit haben, kann uns das motivieren, gemeinsam etwas zu ändern“, meint die Forscherin und denkt dabei an die Pandemie ebenso wie an die Klimakrise.

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