2/2020
UNIZEIT
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© Uni Graz/Jesacher

Schieflage

Die Generationensolidarität gerät angesichts der Corona-­Krise ins Wanken. Ist das Leben eines „jungen Hupfers“ genauso viel Wert wie das einer „alten Schachtel“, und wie sollen wir weiterhin gemeinschaftlich mit der Pandemie umgehen? Alternsforscherin Ulla Kriebernegg schafft Bewusstsein.

von Christina Koppelhuber


Im April 2020 lag die Jugend­arbeitslosigkeit um 110 Prozent höher als im Vergleichsmonat des Vorjahres. Damit sind Jugendliche in Österreich die von den wirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Pandemie am stärksten betroffene Gruppe. Aber auch im Rest der Bevölkerung leiden viele unter den finanziellen Folgen. „Warum“, fragen sich da manche von ihnen, „müssen wir Einschränkungen in Kauf nehmen, die unsere Zukunft gefährden, wenn das Coronavirus ohnehin nur der Risikogruppe gefährlich wird?“ Schnell finden sie Schuldige am ökonomischen Nachteil im Zusammenhang mit der jetzigen Krise: „die Alten“.Doch wer sind die eigentlich?
„Alter ist ein kulturelles Konstrukt und immer eine Frage der Perspektive. Für ein Kind ist eine Person mit 30 Jahren alt“, gibt Ulla Kriebernegg zu bedenken. Eine konkrete Antwort im Zusammenhang mit der Pandemie gibt es von der Weltgesundheitsorganisation WHO: Zur Risikogruppe gehört man ab 65 Jahren. „Damit wird man plötzlich vom Best-Ager zur gebrechlichen Person, vom Konsumenten oder der Konsumentin zum Kostenfaktor!“, kritisiert die am Institut für Amerikanistik der Universität Graz tätige Kulturwissenschafterin die stereotype Festlegung – handelt es sich bei den über 65-Jährigen doch um eine äußerst heterogene, vielschichtige Gruppe.
Die Behauptung, das Leben eines 83-Jährigen sei weniger schön als das einer 25-Jährigen, lässt die Leiterin der Age and Care Research Group Graz nicht gelten: „Lebensfreude ist sehr individuell und nicht unbedingt abhängig vom Alter oder der körperlichen Verfassung.“ Die Jahre bringen zwar viele Veränderungen mit sich, aber gleichzeitig Entwicklungsmöglichkeiten. Freundschaften können intensiver, das Selbstbewusstsein stärker und Wissen umfangreicher werden. „Altern ist nicht notwendigerweise negativ. Man kann zu jeder Zeit Neues beginnen. Vergänglichkeit und Veränderbarkeit machen den Wert des Lebens aus.“

Stetige Spaltung

Konflikte zwischen Jung und Alt sind nichts Neues. „Über Streitereien zwischen den Generationen lesen wir schon bei Sokrates. Unverständnis ist nichts Ungewöhnliches, heißt aber noch lange nicht, einen Krieg anzuzetteln“, sagt Ulla Kriebernegg. Die Kluft fällt momentan verstärkt auf, auch wenn gleichzeitig vermehrt Solidarität zu beobachten ist. Die Amerikanistin sieht den Anfang dieser angeheizten Spaltung bereits in der Klimadebatte: „Greta Thunberg hat gegen die Machthabenden protestiert, die schuld am Klimawandel sind. In der Fridays-for-Future-Bewegung kämpfen manche jungen Leute für ihre Zukunft gegen die älteren, die an ihrem Lebensstil festhalten wollen.“ Aber auch hier müsse man laut Kriebernegg mit Pauschalierungen vorsichtig sein: „In jeder Generation gibt es Menschen, die mit Blick auf den Klimawandel verantwortungsbewusst handeln oder eben nicht.“

Wer ist nun schuld?
Zur Erinnerung: Die Maßnahmen zu Beginn der Krise wurden getroffen, um die Kurve der Erkrankungen flach zu halten, das Gesundheitssystem nicht zu überlasten und Intensivbetten für alle – alt und jung – bereitzuhalten. Der gemeinschaftliche Umgang mit der Pandemie ist, so die Alternswissenschafterin, unerlässlich: „Es ist schlimm, dass viele ihren Job verloren haben. Aber schuld daran sind nicht die Alten, sondern das Virus.“ Vorerkrankungen und Todesfälle gibt es in allen Gruppen der Gesellschaft, auch wenn sie bei Personen über 65 Jahre statistisch häufiger auftreten.
Eine positive Sicht auf das Altern könne dazu beitragen, die Solidarität zwischen den Generationen zu verbessern, ist Kriebernegg überzeugt. „SeniorInnen sichtbarer machen, Medien bewusst wahrnehmen, die Großeltern nach positiven Aspekten im Alter fragen“, sind ein paar Tipps der Wissenschafterin, um zu sensibilisieren und die Generationenspaltung nicht weiter voranzutreiben. „Wir sollten wieder mehr Sorge für unser Umfeld tragen, bewusst unser Herz aufmachen. Wir Generationen haben viel mehr gemeinsam, als uns trennt!“

Was heißt hier alte Schachtel?