2/2020
UNIZEIT
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Rückzug

Ärmel aufkrempeln, anpacken und so tausenden Schutzsuchenden helfen. Damit leistete die Zivilgesellschaft 2015 einen wesentlichen Beitrag, um die Fluchtbewegung zu bewältigen. Aktuell scheinen Tote im Mittelmeer oder vollgepferchte Camps niemanden mehr aufzuregen. „Viele Menschen sind jetzt mit sehr persönlichen, individuellen Sorgen und Ängsten beschäftigt und haben vermutlich geringere psychologische Ressourcen, um sich auch noch mit dem Leid zu befassen, das scheinbar weit weg von uns stattfindet“, vermutet Annette Sprung, Professorin für Migration und Bildung an der Universität Graz. Sie hat gemeinsam mit Brigitte Kukovetz die Motivation der Ehrenamtlichen erforscht. Eine ihrer Studien hat ergeben, dass sich in der Regel überdurchschnittlich gebildete und ökonomisch gut ausgestattete Personen im Bereich Flucht und Migration freiwillig engagieren.
Die Corona-Pandemie hat noch verstärkt, dass weltweit Grenzen hochgezogen werden und Regierungen nationalstaatliche, wenn nicht sogar nationalistische Strategien verfolgen, meint Sprung. „Diese Haltung ist natürlich für eine internationale Solidarität nicht gerade förderlich.“ Folglich finden auch einzelne Initiativen zur Verbesserung der humanitären Situation von Geflüchteten nahezu kein mediales Echo. Dennoch gibt es nach wie vor kleine wie große Organisationen, die AsylwerberInnen und -berechtigte aktiv unterstützen und ebenso deren Situation in anderen Ländern im Blick haben.
Finanziell und praktisch sieht Sprung keine Hindernisse, eine begrenzte Zahl an Menschen aus griechischen Lagern nach Österreich zu holen – sie vermutet einzig und allein die Angst vor Stimmenverlusten in der ablehnenden Haltung der Politik. Die Zurückhaltung der Bevölkerung führt sie auch auf den restriktiven Kurs zurück, der schon während der schwarz-blauen Regierung etabliert wurde. „Der negative Diskurs über Geflüchtete trägt nicht gerade zur Offenheit in der Bevölkerung bei“, betont sie.
Diese Stimmungsmache setzt auch NGOs und UnterstützerInnen zu. Gesellschaftliche und politische Anerkennung motivieren, weiß die Forscherin aus empirischen Befragungen. „Freiwillige steigen zum Teil aus dem Engagement aus, weil sie an der Bürokratie verzweifeln, den Glauben an den Rechtsstaat verlieren oder ihnen zu großer Druck aus dem engeren sozialen Umfeld entgegenschlägt“, fasst Sprung zusammen. Professionelle Unterstützung, etwa durch Bildungsangebote und mehr Supervision, wäre wichtig.
Die erwähnte Ernüchterung und ein Gefühl des Ausgelaugtseins lassen viele Ehrenamtliche nun auf die Bremse steigen. Umso beachtlicher ist es, dass sich trotzdem auch aktuell Engagierte finden, die beispielsweise mit Petitionen auf die Lage der Geflüchteten in Griechenland aufmerksam machen. Insgesamt verringert die große Entfernung jedoch in der Regel die Betroffenheit. „Je weiter weg und damit abstrakter ein Problem ist, desto schwieriger ist es auch, individuelles Mitgefühl in konkretes solidarisches Handeln umzusetzen“, vermutet die Wissenschafterin.
Das von der UNESCO propagierte Konzept der „Global Citizenship Education“ könnte dieser Haltung entgegenwirken: Kinder wie Erwachsene sollten durch entsprechende Bildung komplexe soziale, politische, kulturelle und globale Themen besser verstehen und damit unter anderem zu solidarischem Handeln befähigt werden. Die Österreichische Bundesregierung hat diesen Punkt auch in ihrer „Agenda 2030“ festgehalten. „Wie diese Absichten tatsächlich in Lehrplänen oder anderen Bildungsbereichen in den kommenden Jahren umgesetzt werden, bleibt abzuwarten“, meint Sprung. Für die Schutzsuchenden in Griechenland wird das jedenfalls zu spät sein.