PÄDAGOGIK

Raus mit euch!

Waldkindergarten, Zeltlager, Erlebnistage auf der Berghütte: Lern-Abenteuer im Freien sind sehr beliebt. Was sie tatsächlich bewirken, wissen Kim Landfried und Manuela Paechter.

„Die Natur bietet viel Freiraum und stellt selbst Aufgaben. Man lernt ganzheitlicher und muss Rücksicht auf andere, die Umgebung und sich nehmen. Das stärkt auch die Soft Skills“, fasst Kim Landfried ihre Erfahrungen mit jungen Menschen zusammen. Die Bewegungs- und Sportwissenschaftlerin ist ausgebildete Klima- sowie Abenteuer- und Erlebnispädagogin und begleitet seit neun Jahren regelmäßig Gruppen vom Kindergarten- bis ins Teenager-Alter.
Das erste Abenteuer ist für viele schon das Unterwegssein an sich: ohne Handy, nur mit Karte und Kompass, auf der Suche nach vorgegebenen Punkten im Gelände. „Es kann eine Herausforderung sein, sich ohne Aufsicht im Wald zu bewegen, vielleicht noch den Pfad zu verlassen, auch in der Natur lost zu sein“, schildert Landfried. „Wenn die Kinder das geschafft haben, sind sie extrem stolz.“ Auch andere Dinge fernab der eigentlichen Lebenswelt, wie Wildkräuter für eine Mahlzeit zu sammeln, Feuer zu machen und Steckerlbrot zu backen, kommen gut an. „Wenn die jungen Menschen noch eine Lagerstelle und einen Unterstand bauen und bei schlechtem Wetter gemeinsam Spaß haben, sind das unmittelbare Erfahrungen, die sie begeistern“, resümiert die Forscherin.

Kim Landfried vor dem Institut für Bewegungswissenschaften, Sport und Gesundheit

Kim Landfried bringt Menschen ins Freie, damit sie ihre Umgebung und sich selbst besser kennenlernen

Sie persönlich ist mit ihren Gruppen am liebsten am Wasser unterwegs, im Kanu oder auf einem selbstgebauten Floß. „Den Teilnehmer:innen eröffnet sich eine völlig neue Perspektive, sie nehmen die unmittelbare Umgebung ganz anders wahr. Außerdem ist das Gefühl, getragen zu werden und mit anderen als Team in Bewegung zu kommen, für viele ein ganz spezielles“, erzählt die Pädagogin. Das helfe, den eigenen Körper neu zu erfahren. Außerdem könne ein solcher Ausflug das Miteinander fördern: „Man paddelt gemeinsam, und wenn einem oder einer die Kraft ausgeht, springen die anderen ein.“ Stromschnellen zu überwinden oder gar zu kentern und zu lernen, dass man sich selbst retten kann, sind prägende Erlebnisse. Landfried begrüßt, dass solche Bildungssettings verstärkt inklusiv sind. „Körperliche Herausforderungen sind kein Hindernis. Zum Beispiel hat ein Kind mit Rolli auf dem Floß auch die Möglichkeit zu rudern“, berichtet sie. „Es gibt unterschiedlichste Aufgaben, um sich in der Gruppe einzubringen.“

Bäume statt Klassenräume
Klima-Themen oder Biologie eignen sich hervorragende für die Vermittlung auf abenteuerliche Weise hervorragend. Mit ein bisschen Kreativität und Inszenierung lassen sich alle Fächer ins Freie verlagern. „Man kann im Wald Bilder und geometrische Strukturen suchen, Seilbauten oder Murmelbahnen auf unterschiedlichem Untergrund errichten, Geschichte erfahren anhand von Ruinen oder historischen Schauplätzen“, zählt die Forscherin einige Beispiele auf. Ohne die vorgegebene räumliche Struktur der Schule, den Leistungsdruck und die Beurteilungslogik seien viele Kinder und Jugendliche aufnahmebereiter. „Die Natur bietet sehr viele Erfahrungsmöglichkeiten. Sie ist ein absolut unterschätzter Lernraum“, ist Landfried überzeugt.
Das bestätigt die pädagogische Psychologin Manuela Paechter: „Lernen passiert nicht beim Anhören oder Ansehen, sondern zunächst durch Erfahrung. Die ganzheitlichen Erlebnisse in der Natur – körperlich, emotional, kognitiv und sozial – erzeugen Erinnerungen, die das Lernen nachhaltig verankern.“ Outdoor-Aufgaben lassen sich nie vollständig kontrollieren, Wetter und Gelände erzeugen echte Herausforderungen, die man lösen muss. „Unsere Handlungen haben unmittelbar spürbare Konsequenzen. Das wirkt besser als die Beurteilung durch eine Lehrperson. In der Regel sind wir auch auf Kooperation mit anderen angewiesen, so passiert soziales Lernen“, ergänzt Paechter. Verantwortungsbewusstsein, Durchhaltevermögen, Selbstvertrauen und Selbstwirksamkeit werden bei Aktivitäten im Freien besonders geübt – nicht nur bei Kindern, auch bei Erwachsenen. In den Trainings entstehen mitunter außerdem neue Gruppendynamiken, und einzelne Teilnehmer:innen zeigen sich von einer neuen Seite. „Von einem Buben wurde mir im Vorfeld berichtet, dass er ständig Streit anzettelt. Der war in diesem neuen Erfahrungsraum aber unglaublich umsichtig und hat immer darauf geachtet, dass sich alle wohlfühlen“, erinnert sich Kim Landfried. So könnten also auch Lehrpersonen außerhalb des Klassenkontextes ein anderes Bild von ihren Schüler:innen erhalten.

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Manuela Pächter unterstreicht die Nachhaltigkeit von Outdoor-Erfahrungen: Ganzheitliche Erlebnisse prägen sich besser ein.

Berührt werden
Die Ausflüge in die Wildnis können drei, vier Stunden oder gleich mehrere Tage dauern. Nicht alle sind davon von vornherein hellauf begeistert. „Manche brauchen schon einmal einen Vormittag, um anzukommen und sich darauf einzulassen“, erzählt die Erlebnispädagogin. Es koste Überwindung, die Komfortzone zu verlassen. „Aber danach sind sie als Persönlichkeiten richtig gestärkt.“ Warum dieser Effekt so groß ist, analysiert Manuela Paechter: „Die Aufmerksamkeit richtet sich ganz auf das, was um einen herum passiert. Man ist präsent und konzentriert, ohne bewusst darüber nachzudenken. Den Lernerfolg misst man unmittelbar an der ehrlichen Rückmeldung der Natur, nicht am Feedback der Lehrperson.“ Laufe etwas nicht wie geplant, müsse man umdenken und eine andere Lösung finden. Aufgeben sei nicht möglich. „Wenn ich am Gipfel angekommen bin, muss ich auch wieder hinunter, auch wenn es anstrengend ist und ich keine Lust mehr habe.“ Nach bewältigter Herausforderung entsteht unmittelbar Stolz, und die Spannung schlägt in Entspannung um. Abgesehen von diesem Glücksgefühl wirkt die Umgebung selbst auf einen ein: „Die Farben, Gerüche, Geräusche, die Sicht – alles wirkt schön, klar und frisch“, schwärmt Paechter, die selbst gerne in den Bergen unterwegs ist. „Besonders beeindruckt mich dabei die Begegnung mit Tieren. An der Roten Wand hat uns ein Steinbock direkt angeschaut. Aber auch beim Spazierengehen in Stadtnähe sehe ich immer wieder Ringelnattern oder Eidechsen.“
Kim Landfried, die sich in stressigen Zeiten während des Studiums gerne mit Kolleg:innen zum Picknick im Wald traf oder lange Radtouren macht, bestätigt, dass es immer mehr Leute ins Freie und auf Gipfel zieht. „Den eigenen Körper zu spüren und zu sehen, wie die Natur auf einen wirkt, ist eine positive Erfahrung. Wenn ich diese auch Menschen ermöglichen kann, die sich sonst selbst nicht so stark erleben, ist das die beste Motivation für meine Arbeit.“