SPORT
In die Elemente
In der Halle sind Kletter:innen vor jeder Witterung geschützt. Am Ergometer kann man den Puls konstant halten. Und das Gewichtestemmen im Studio lässt sich auch gleich auf Social Media vermarkten. Dennoch hat Sport in der Natur einen ganz eigenen Wert, weiß Sebastian Ruin.

Nach dem Aufstehen checken wir schnell am Handy die Nachrichten, dann geht es mit dem Auto ab ins Büro und wir setzen uns vor den Computer. Nach einem langen Arbeitstag freuen wir uns auf etwas Entspannung vor dem Fernseher. Damit wir den Körper nicht ganz vernachlässigen, steht zweimal die Woche das Fitnesscenter auf dem Programm.
„Unsere Erfahrungen im Freien haben drastisch abgenommen“, diagnostiziert Sportpädagoge Sebastian Ruin. Vor zweihundert Jahren waren sie noch relativ selbstverständlich, da sich die Menschen vorwiegend zu Fuß oder zu Pferd fortbewegten beziehungsweise zu einem viel größeren Teil in der Landwirtschaft tätig waren. „Die Konfrontation mit der Natur ist aber zentral für die menschliche Entwicklung, für Kinder wie für Erwachsene“, betont der Forscher.
Am Berg weht uns ein eisiger Wind um die Ohren. Die Unwegsamkeit der Laufstrecke haben wir etwas unterschätzt. Beim Rudern wird das Boot von unerwartet hohen Wellen abgetrieben. Dann können wir nicht einfach das Tablet ausschalten oder vom Hometrainer steigen, sondern müssen uns der Situation stellen und gegebenenfalls Kraft aufwenden, um wieder zurückzukommen. „Die Natur ist unnachgiebig und widerständig. Da sind wir gezwungen zu reagieren, ohne lang nachzudenken“, resümiert Ruin. Solche Erlebnisse eröffnen wertvolle Erfahrungsräume und zeigen neue Wege, uns selbst und der Welt zu begegnen. „So legt mach auch die Erwartung ab, dass man alle Ziele sofort und ohne Hürden erreichen kann“, fügt der Forscher hinzu.
Volle Kontrolle
Für ein streng vorgegebenes Training – etwa zu Therapiezwecken – ist der Ergometer die bessere Wahl. „Da kann ich alle Eventualitäten ausschließen und mir die gewünschten Bedingungen genau einstellen“, führt der Sportpädagoge aus. „Meines ist das aber nicht.“ Ruin bricht eine Lanze für das Abenteuer im Freien und frönt selbst leidenschaftlich dem Kajaken, Klettern und Wandern. „Letzteres ist eine gute Möglichkeit, sich niederschwellig der Natur zu widmen“, ist er überzeugt. Das Grün, die Begegnung mit Tieren oder der Ausblick sind für viele reizvoll und ein wesentlicher Grund, in der frischen Luft Sport zu treiben, zeigen Studien der Motivationspsychologie. Draußen fühlt sich die Bewegung außerdem leichter an, wie Physiologe Othmar Moser ergänzt: „Mehrere Untersuchungen haben ergeben, dass die Belastung subjektiv niedriger erscheint, obwohl objektive Parameter wie Herzfrequenz oder Sauerstoffaufnahme gleich oder gar höher sind. Das weist darauf hin, dass Umweltreize die Anstrengungswahrnehmung verändern.“ Die Luftbewegung im Freien verbessert darüber hinaus die Wärmeabgabe, wodurch wir den Kreislauf einem geringeren Stress aussetzen. „Damit sinkt die Gesamtbelastung des Organismus und die sportliche Aktivität ist potenziell effektiver“, fasst Moser zusammen.
Dass Jugendliche oft lieber im Studio pumpen, um den neuesten Insta-Trends zu entsprechen, bestätigt Sebastian Ruin: „Mit der Pubertät nimmt das Interesse an Outdoor-Erfahrung ab. Aber actionreiche Sportarten sind für viele dann doch eine Alternative. Gerade die Natur bietet ein hohes Maß an echtem Risiko.“ Es müsse ja nicht gleich der Marathon durch die Wüste sein oder ein Sprung von einer hundert Meter hohen Klippe. Aber eine Klettertour, bei der man – anders als in der Halle – die Griffe erst suchen muss, ein Rafting-Ausflug, bei dem die Strömung dann doch stärker ist als erwartet, oder die Wanderung, bei der der Nebel einfällt, bieten spannende Herausforderungen. Dabei bringe jede Jahreszeit andere Erlebnisse mit sich: „Auch das lässt sich beim Sport gut beobachten. Derselbe Wald schaut bei Regen ganz anders aus, die Farben, die Gerüche verändern sich je nach Witterung“, ergänzt der Forscher.