KUNSTGESCHICHTE
Im Zeichnen der Wissenschaft

Rund 50.000 Jahre alt sind die ersten erhaltenen Tierbilder auf Höhlenwänden. Fauna und Flora sind bis heute Inspirationsquelle für kreatives Schaffen. Zwischenzeitlich dienten künstlerische Darstellungen auch der Forschung. Robert Felfe ordnet das wechselvolle Zusammenspiel von Mensch, Natur und Kunst.
Den Wunsch, sich kreativ auszudrücken, hatte schon der Homo sapiens. Flöten aus Schwanenknochen belegen eine gewisse Musikalität. Eine als „Löwenmensch“ bekannte Skulptur aus Elfenbein, die bis zu 41.000 Jahre alt sein könnte, zeigt, dass Menschen der Urzeit nicht nur Werkzeuge produzieren wollten. „Dass eines der ältesten bekannten Kleinkunstwerke ein Fabelwesen darstellt, veranschaulicht die enge Verflechtung von Kunst mit rituellen Praktiken, etwa im Zusammenhang mit der Jagd“, erklärt Robert Felfe.
Über viele Jahrtausende hinweg sucht der Mensch seinen Platz in der Welt. „Kunst dient dabei der Orientierung, aber auch als Weg, um den eigenen Denkformen Raum zu geben sowie um die Begrenztheit der eigenen Existenz zu überwinden“, führt der Wissenschaftler aus. Bereits in der Antike gibt es Versuche, die menschliche Vergänglichkeit durch Portraitmalerei zu überbrücken. „Die möglichst genaue Repräsentation individueller Gesichtszüge sollte Verstorbene wenigstens im Bild weiterleben lassen“, weiß der Kunsthistoriker. In den Jahrtausenden danach wechseln Darstellungen von harmonisch-geordneter oder schaurig-bedrohlicher Naturszenerien einander ab.
Verstehen durch Visualisieren
Seit dem späten Mittelalter steigt in Europa das Interesse am einzelnen, konkreten „Naturding“. „Ab jetzt wird die konkrete Beobachtung verstärkt zu einem Impulsgeber für Erkenntnisgewinn“, formuliert Felfe. Zum Beispiel war das präzise Zeichnen von Pflanzen wichtiges Momentum in der frühneuzeitlichen Heilkunde. „Man musste Kräuter möglichst genau kennen, um sie pharmakologisch zu nutzen. Die exakte Darstellung ist also kein rein ästhetischer Faktor, sondern essenziell für die Entwicklung der Medizin“, bestätigt der Wissenschaftler. Wobei Fakt und Fiktion eng verbunden waren, wie der Holzschnitt „Rhinocerus“ des deutschen Malers Albrecht Dürer (1471–1528) zeigt. „Dürer hat dieses Tier, soweit wir wissen, vor allem nach Beschreibungen Dritter geschaffen, einschließlich offensichtlich ausgedachter Details wie Schuppen an den Beinen oder dem kleinen Horn auf der Schulter“, führt Felfe aus. „In der Kunst verbindet sich also eine produktive Vorstellungskraft mit dem Anliegen, lebendige Sujets so realistisch wie möglich abzubilden.“ Das Zeichnen gehört bis ins 18. Jahrhundert zum naturwissenschaftlichen Handwerkszeug. „Es wurde erwartet, dass Forschende den Gegenstand ihrer Arbeit korrekt wiedergeben können. Das gilt für Botanik und Zoologie ebenso wie etwa für die Mineralogie“, weiß der Kunsthistoriker.
Blüten gegen Fälschung
Eine wichtige Rolle in diesem Prozess spielten Techniken der Reproduktion von Bildwerken – etwa sogenannte Naturselbstdrucke, die im 19. Jahrhundert einen erneuten Aufschwung erlebten. Blätter, Stängel und Blüten von Farnen, Algen und anderen Pflanzen, aber auch Federn oder Insektenflügel presste man zunächst in relativ weiche Trägermaterialien, aus denen dann über galvanische Verfahren haltbare Druckplatten hergestellt wurden. Sie ermöglichten eine Vervielfältigung in hohen Auflagen. Durch diese Methode konnten Botaniker:innen feine Strukturen genauestens erfassen – zu einer Zeit, als die Fotografie noch in den Kinderschuhen steckte. Mit ähnlichen Verfahren hatte man bereits in der späten Kolonialzeit Nordamerikas versucht, Papierbanknoten als Währung zu etablieren. „Die schwer zu kopierende Struktur der Liniennetzwerke von Blättern sollte das neue Geld relativ fälschungssicher machen“, erläutert der Kunsthistoriker.
Gedruckt wurde in der Monarchie hauptsächlich in den Universitätsstädten Wien und Graz. Einer der wissenschaftlichen Hauptanwender des Verfahrens, Constantin Freiherr von Ettingshausen, war Paläobotaniker und 1881 auch Rektor an der Universität Graz. „Er illustrierte zahlreiche seiner Veröffentlichungen mit Naturselbstdrucken und erreichte in dieser Technik höchste Perfektion“, schildert Felfe. Den teils unbearbeiteten Nachlass Ettingshausens – er liegt in der Grazer Universitätsbibliothek – plant der Geisteswissenschaftler im Rahmen eines Forschungsprojekts systematisch zu erschließen.
Beziehungsstatus: kompliziert
Und wie steht es heute um die Beziehung zwischen Natur und Kunst? „Sagen wir so: Es ist kompliziert“, fasst Felfe zusammen. „In der Moderne begreifen Künstler:innen, dass der Homo sapiens längst nicht mehr ‚nur‘ Teil der Umwelt ist. Sondern dass er sie formt, verändert und sogar vernichtet“, fasst der Experte zusammen. Unberührte Landschaft gibt es kaum noch. Das sei aus einer ökologischen Perspektive besorgniserregend, eröffne jedoch neue Felder für Kreativschaffende. „Heute geht es häufig nicht mehr um bildliche Darstellung von Natur, sondern um Interaktion, Austausch oder gezielte Manipulation. Das kann sanfter passieren – etwa durch das Anlegen von Gärten. Oder invasiv, wie etwa in der BioArt, die lebende Organismen oder Gewebeproben als Medium nutzt und so den menschlichen Eingriff in seine Umwelt thematisiert“, beschreibt der Wissenschaftler.