LITERATUR
Minne und Melanzani

Ein Blick in die mittelalterliche Literatur genügt Brigitte Spreitzer-Fleck, um zu zeigen, wie eng Natur und Begehren miteinander verbunden sind.

Isabella Managò forscht zu mittelalterlicher Literatur und zeigt auf, dass Fragen von Geschlecht, Macht und ihrer Darstellung keine Erfindung der Moderne sind.
Pflanzen und Früchte dienten schon im Mittelalter als Chiffre für die Liebe. Wie es dazu kam und warum uns diese Bildsprache bis heute vertraut ist, zeigen die Germanistinnen Brigitte Spreitzer-Fleck, Isabella Managò und Julia Zimmermann.
Pfirsich- und Melanzani-Emojis stehen längst nicht nur für Obst und Gemüse. In Kurznachrichten dienen sie mitunter als Code für Penis und Vulva oder Gesäß. Diese Form der Verschlüsselung körperlicher Anspielungen ist jedoch keine Erfindung der digitalen Gegenwart. Schon mittelalterliche Texte nutzen die Natur, um über sexuelles Begehren zu sprechen.
Willst du noch oder hast du schon?
Zwischen 500 und 1500 nach Christus ist kaum genuin erotische Literatur überliefert. Das bedeutet jedoch nicht, dass das Verlangen in den überlieferten Texten fehlt. Vielmehr dient Natur in mittelalterlichen Werken als Folie für Liebesbegegnungen und öffnet damit einen Raum für Interpretation. Als wohl kürzestes Beispiel nennt Mediävistin Julia Zimmermann eine althochdeutsche Randnotiz aus dem frühen Mittelalter, in dem ein Hirsch einer Hirschkuh „in daz ora“ (ins Ohr) raunt: „uuildu noh hinta?“ (Willst du noch, Hinde?) „In der Forschung wird diese Frage meist als erotische Aufforderung eines Mannes an die Frau gelesen“, erklärt die Forscherin. Solche Metaphern seien zwar kontextabhängig, würden jedoch wiederkehrenden Mustern und Vorbildern aus der Antike folgen. „Gerade im Physiologus, einer frühchristlichen Naturlehre, werden Tiere moralisch und allegorisch gedeutet“, weiß Zimmermann.
Ähnlich vielschichtig ist das mittelhochdeutsche Falkenlied des Kürenbergers, eines Dichters von mittelhochdeutschen Minneliedern im 12. Jahrhundert. „Zentral ist darin die Verbindung von Liebe, Jagd und Falknerei“, hebt die Mediävistin und Psychotherapeutin Brigitte Spreitzer-Fleck hervor. Der Falke könne als geliebter Mensch, der sich nicht halten lässt, verstanden werden. Das Motiv des Zähmens stehe für das Einwilligen in eine Beziehung, möglicherweise auch in einen Geschlechtsverkehr.
Defloration und Dessert
Nicht nur Tiere, auch Pflanzen und Früchte werden zu Trägern erotischer Bedeutungen. Spuren davon finden sich bis heute in unserem Sprachgebrauch. „Es kommt nicht von ungefähr, dass wir Zuneigung und Blumen miteinander verbinden. Manchmal wird heute noch von Defloration gesprochen, wenn Entjungferung gemeint ist“, hält Isabella Managò fest. Aber auch Essen oder Gefräßigkeit wird oft mit Sexualität in Verbindung gebracht. Das beweist ein Blick in das Märe „Die halbe Birne“ aus dem 13. Jahrhundert, dessen Urheberschaft man im Lyriker Konrad von Würzburg vermutet. Darin wird ein Ritter nach einem Turniersieg von der Prinzessin öffentlich bloßgestellt, weil er sich beim Nachtisch des Festmahls „unhöfisch“ verhält. Statt das servierte Obst mit ihr zu teilen, verschlingt er es gierig. „Das Birnen-Essen wird hier mit dem Geschlechtsakt parallelisiert und zum Sinnbild sexueller Rücksichtslosigkeit“, erklärt Managò. Dabei erinnert die erotisch aufgeladene Frucht stark an die heute gängige Verwendung von Pfirsich- und Melanzani-Emojis, die als Symbole männlicher und weiblicher Genitalien in Kurznachrichten verschickt werden.
Genagelt statt angedeutet
Im „Nonnenturnier“ zum Beispiel, das in einer Handschrift aus dem 15. Jahrhundert überliefert ist, finden sich explizit sexuelle Inhalte. In diesem Werk raufen sich Klosterfrauen um einen abgeschnittenen Penis. „Das sind obszöne Ausreißer“, bestätigt Spreitzer-Fleck und zieht als weiteres Beispiel den wohl im 13. Jahrhundert entstandenen Text „Der Rosendorn“ heran. „Schon der Titel lässt Rückschlüsse auf das männliche und weibliche Geschlecht zu.“ In einem Kräutergarten verstrickt sich eine Jungfrau in ein Streitgespräch mit ihrer Vulva, wer von den beiden besser bei Männern ankomme. Die beiden trennen sich im Zorn mit dem Ergebnis, dass weder Frau noch Vulva für sich allein Erfolg beim anderen Geschlecht haben. Auffallend ist in dieser gereimten Erzählung die derbe Symbolik – so wird die Wiedervereinigung von Frau und „fut“ durch „nageln“ bewerkstelligt.
Die literarische Verbindung aus Natur und Sexualität wird um bildliche Darstellungen in mittelalterlichen Handschriften ergänzt. So zeigt etwa ein Detail aus der Rosenroman-Handschrift von Jeanne und Richard de Montbaston (um 1350) einen Baum, dessen Früchte klar als erigierte männliche Glieder erkennbar sind und von einer Figur gepflückt werden. Der Baum selbst ist bereits ein phallisches Symbol, das genitalförmige Obst steigert diese Bedeutung nochmals. „Sexualität wird hier nicht nur angedeutet, sondern explizit in Szene gesetzt“, bestätigt Managò und bekräftigt: „Prüde war das Mittelalter nicht unbedingt.“
„Mit rund 300 erhaltenen Handschriften wurde das Werk außergewöhnlich stark rezipiert“, ergänzt Julia Zimmermann. In etwa 22.000 Versen wird in allegorischer Form die Liebeswerbung eines Erzähler-Ichs um eine Rose in einem ummauerten Garten geschildert. Gerade die enorme Verbreitung machte die Dichtung zum Gegenstand früher Kritik. Insbesondere Christine de Pizan (1364–1430), eine bedeutende Dichterin des französischen Mittelalters, hielt mit ihrem Urteil nicht zurück. „Sie kritisierte die stereotype und misogyn geprägte Darstellung von Frauen im zweiten Teil des Textes“, ergänzt Managò. Der daraus resultierende Rosenroman-Streit war einer der frühesten dokumentierten Literaturkonflikte Europas. „Das zeigt, dass Fragen von Geschlecht, Macht und ihrer Darstellung keine Erfindung der Moderne sind“, resümiert die Forscherin.