ETHIK
Milch, Moral und Mutterbindung

Ein Glas Milch in einer Blumenwiese, dahinter ein Bergpanorama. Produktverpackungen suggerieren eine ländliche Idylle und blenden die Erzeugung aus. Umwelt- und Tierethiker Roman Werner analysiert diese Bilder und zeigt, wie sehr sie unser Verständnis von Natur und Ernährung prägen.
Welchen moralischen Status Tiere haben und wie der Mensch ihnen gegenüberstehen soll, wurde bereits in der Antike diskutiert. Durchgesetzt hat sich eine Position, die bis in die Gegenwart nachwirkt: Der Mensch gilt aufgrund seiner Vernunft und seines Sprachvermögens als bedeutsameres Lebewesen. Dieses hierarchische Denken spiegelt sich bis heute nicht nur im Umgang mit Tieren, sondern auch im grundlegenden Verständnis von Natur wider: „Schon der Begriff Umwelt legt nahe, dass die Welt um den Menschen herum existiert, er selbst aber nicht Teil von ihr ist“, analysiert Werner und plädiert für die Bezeichnung „Mitwelt“. Diese begriffliche Verschiebung sei von Bedeutung, denn Sprache beeinflusst unsere Weltanschauung und damit auch, wie selbstverständlich wir Tiere als Lebensmittel in Anspruch nehmen.
Zwischen Alm und Supermarktregal
Zufriedene Kühe auf üppigen Wiesen sind Darstellungen, die uns in Kinderbüchern ebenso selbstverständlich begegnen wie in Medien und Werbung. Diese Verklärung ist kein Zufall. Milch gehört zu jenen Lebensmitteln, deren gutes Image sich über Jahrhunderte entwickelt hat und bis heute gepflegt wird. Moderne Agrar-Marketingkampagnen knüpfen gezielt an Klischees von Natürlichkeit, Mütterlichkeit und Gesundheit an. Besonders deutlich wurde das etwa in den 2000er-Jahren, als prominente Personen wie die deutsche Moderatorin Barbara Schöneberger mit Milchbart und -glas in der Hand vermittelten, das Getränk sei nicht nur nahrhaft, sondern mache schön, intelligent und begehrenswert. „Dieses Bild hat aber nur mehr wenig mit der harten Realität heutiger Lebensmittelproduktionen zu tun“, gibt Werner zu bedenken. Die Folge sei eine wachsende Distanz zwischen Konsument:innen und den Bedingungen, unter denen tierische Erzeugnisse entstehen. Die Lebewesen, die diese überhaupt erst hervorbringen, geraten dabei zunehmend aus dem Blick. Der massive ökonomische Druck auf die Nahrungsmittelindustrie begünstigt diese Entwicklung.
Landwirtschaftliche Betriebe sind längst keine Cashcows mehr. „Es gilt das Prinzip: wachsen oder weichen“, bestätigt Werner und hält fest: „Die Industrialisierung ganzer Sektoren verändert nicht nur Produktionsweisen, sondern auch die Wahrnehmung von Tieren. Sie geraten in Vergessenheit.“ Dass dieses Verdrängen oft schleichend verläuft, weiß der am Institut für Ethik und Gesellschaftslehre tätige Werner aus eigener Erfahrung. Erst durch die Lehrveranstaltung „Animals matter“ seines Vorgängers am Institut, Kurt Remele, begann er sich intensiver mit der Herkunft von Lebensmitteln zu befassen und wurde daraufhin Vegetarier. Heute verzichtet er gänzlich auf tierische Produkte. In diesem Kontext verweist er auf einen Mechanismus, der in der ethischen Debatte als „absent referent“ bezeichnet wird und das Verschwinden des Lebewesens hinter dem fertigen Produkt beschreibt. Die Tiere erhalten nummerierte Ohrmarken statt Namen. Darauf folgt die Fragmentierung: Ihre Körper werden in verwertbare Teile zerlegt und neu benannt, etwa Beuschel, Fischerl oder Faschiertes. Für die Konsumation müssen Produkte weiterverarbeitet und erneut umbenannt werden. Milch wird zu Rahm oder Butter. „Durch Verarbeitung und Namensänderung geht der Bezug zum lebenden Tier, also zum Subjekt, immer mehr verloren. Eine Salami schaut eben nicht mehr aus wie ein Schwein“, resümiert Werner.
Das geht auf keine Kuhhaut
„Wir haben ein schizophrenes Verhältnis zu Mütterlichkeit“, erklärt der Ethiker im Hinblick auf die Produktionsbedingungen von Milch. Denn dafür müssen Kuh und Kalb nach der Geburt getrennt werden. Eine Praxis, die im klaren Widerspruch zur moralischen Überzeugung steht, dass die frühe Bindung zwischen Mutter und Kind schützenswert sei. „Uns wird gelehrt, Eier im Vogelnest, Rehkitze in Ruhe und Hundewelpen einige Zeit bei ihren Müttern zu lassen“, so der zweifache Vater. „Die heilige Verbindung von Mutter und Kind ist sogar Stoff für religiöse Überhöhung. Warum ignorieren wir das etwa bei Rindern täglich?“ Modelle, in denen Kälber bei den Kühen bleiben, existieren zwar, bedeuten jedoch massive Einbußen. Zwei Fünftel weniger Ertrag seien für eine ohnehin ökonomisch belastete Branche nicht zu verkraften. Werner zieht daraus einen klaren Schluss: Kuhmilch könne, wenn überhaupt, nur als Nischenprodukt moralisch vertretbar sein.
Weniger Moralkeule, mehr Wirkung
Angesichts dieser Tatsachen stellt sich die Frage nach Handlungsmöglichkeiten. Bringt individueller Verzicht überhaupt etwas? Werner antwortet differenziert: „Viele gesellschaftliche Veränderungen benötigen nicht zwingend eine Mehrheit, sondern lediglich eine kritische Masse. Denn wenn die Nachfrage sinkt, sinkt langfristig auch die Produktion – nicht aus moralischer Einsicht, sondern aus ökonomischer Logik.“ Schon wenige Prozent würden folglich ausreichen, um neue Haltungen sichtbar und anschlussfähig zu machen. Dabei plädiert der Ethiker für Geduld im gesellschaftlichen Miteinander: „Menschen haben das Bedürfnis einander zu erzählen, was sie erkannt haben. Man kann aber niemanden zwingen, zu denselben Schlüssen zu kommen.“ Die innere Motivation sei der Schlüssel zur nachhaltigen Konsumänderung. Es gehe also weniger darum, ungefragt aufzuklären, als darum, ins Gespräch zu kommen und teilweise wieder zu schweigen, wenn das Gegenüber (noch) nicht bereit ist zuzuhören. „Vertrauen in diesen langsamen Prozess zu haben, ist aber angesichts der Dringlichkeit, die durch das milliardenfache Tierleid und den Klimawandel entsteht, oft schwierig“, meint Werner.
