ÖKONOMIE
Kühl kalkuliert
Der Klimawandel trifft nicht alle Bevölkerungsgruppen in gleichem Maße. Wie der Staat für mehr Gerechtigkeit sorgen kann und welche Investitionen sich lohnen, rechnet Eva Preinfalk vor.

Der „Summer in the City“, wie man ihn seit den 1960er-Jahren besingt, wird immer unerträglicher. Wer es sich leisten kann, hüpft in den Pool, flüchtet ins schattige Haus am Land oder urlaubt im Norden. Wer nicht, muss bei 30 Grad und mehr in der Wohnung schwitzen, auf der Baustelle schuften oder schwindende Erträge am Feld hinnehmen. Diese Menschen leiden zunehmend unter den Folgen des Klimawandels, den andere mit ihrem umweltschädlichen Verhalten vorantreiben. „Der gesellschaftliche Umgang mit Ressourcen und die damit verbundenen sozialen Problematiken beschäftigen mich schon seit meiner Schulzeit“, berichtet Eva Preinfalk, Klimaökonomin am Wegener Center der Universität Graz.
Wie können Institutionen solche Ungleichheiten abfedern? Welche Strukturen braucht es, um privates und öffentliches Handeln so zu lenken, dass es langfristig keine negativen Auswirkungen auf andere hat? Auf diese Fragen sucht die 30-jährige Wissenschaftlerin Antworten. Denn: „Klimawandelanpassung löst auch viele soziale Probleme“, ist Preinfalk überzeugt. „In der Stadt bedeutet das in erster Linie einen besseren Zugang zu Grün- und Wasserflächen für alle und gekühlten öffentlichen Verkehr“, nennt sie Beispiele.
Einiges passiere bereits, beispielsweise werden Hitzeschulungen für das Gesundheitspersonal durchgeführt. „Informationslücken, sprachliche Barrieren, Mobilitätseinschränkungen sowie die Angst vor Stigmatisierung führen allerdings dazu, dass bestehende Angebote Betroffene oft gar nicht erreichen“, zeigt die Wissenschaftlerin auf.
Außerdem sollte Klimaresilienz noch stärker in sämtlichen Bereichen mitgedacht werden. „Die Zielsetzung in der staatlichen Anpassungsplanung bleibt derzeit unklar“, stellt Preinfalk fest. Im Hochwasserschutz und in Bebauungsplänen etwa werden Prognosen über veränderte hydrologische Bedingungen nicht systematisch berücksichtigt. Auch in der Land- und Forstwirtschaft gibt es zwar Informationen zu trockenheitsresistentem Saatgut und angepassten Baumarten, aber sie kommen aus kurzfristigen wirtschaftlichen Gründen zu wenig zum Einsatz. „Hier bräuchte es gezielte Anreize zum Umstieg“, empfiehlt die Ökonomin.
Lösungen zeigen
Eva Preinfalk forscht unter anderem im Projekt COIN2.0. Das möchte Österreichs Entscheidungsträger:innen besonders auf die volkswirtschaftlichen und verteilungspolitischen Konsequenzen von unterschiedlichen Klimafolgen in Österreich aufmerksam machen und Anpassungsmöglichkeiten aufzeigen. „Der Staat hat nicht genug finanzielle und technische Mittel, um alle Risiken abzufedern. Deswegen wollen wir erheben, welche Maßnahmen am zielführendsten sind und vor allem bei sozial Schwächeren greifen, die sie am dringendsten benötigen. Neben Investitionen in Infrastruktur geht es hier oft um Hilfe zur Selbsthilfe“, fasst die Ökonomin zusammen. Aus welchen Töpfen die entstehenden Kosten gedeckt werden könnten, wer davon am meisten profitiert und wie sich gerechte Anpassung in bestehende Versicherungssysteme integrieren lassen, soll im Rahmen des Projekts geklärt werden.
Dass sich aus Sicht der öffentlichen Hand Ausgaben für den Klimaschutz rentieren, hat Preinfalk mit ihren Kolleg:innen vom Wegener Center in einer Studie bereits belegt. „Österreich investiert jährlich rund 600 Millionen Euro etwa in Schutzbauten oder Renaturierung. Das hilft, Schäden an der Infrastruktur oder Ernteausfälle zu verringern und die Produktivität zu erhalten, was zusätzliche Steuereinnahmen von 1,7 Milliarden pro Jahr einbringt“, rechnet die Forscherin vor. Außerdem erspart sich der Staat nötige Ausgaben für den Wiederaufbau und für die Entschädigung Privater aus dem Katastrophenfonds. „Hier Budgets zu kürzen, käme also extrem teuer“, resümiert die Ökonomin. Denn wenn Überschwemmungen, Hitzewellen oder Dürreperioden zu Ernteausfällen führen, spürt das nicht nur die Land- und Forstwirtschaft, sondern auch die damit vernetzte Lebensmittel- oder Holzindustrie. Einbußen pflanzen sich also entlang der gesamten Wertschöpfungskette fort und mindern das Bruttoinlandsprodukt.
Derzeit ist man bemüht, sich landesweit gegen 100-jährige Hochwasser-Ereignisse zu wappnen. „Mit steigender Intensität der Unwetter ist es allerdings absehbar, dass das immer kostspieliger wird“, warnt Preinfalk. Der Staat sollte auch Worst-Case-Szenarien stärker ins Kalkül ziehen. Die Niederlande tun das bereits: Dort fließen bis 2050 jährlich 1,5 Milliarden Euro in den Hochwasserschutz, um weite Gebiete vor Überflutungen zu bewahren. „Ein 500-jähriges Ereignis würde die niederländische Wirtschaftsleistung um bis zu 16 Prozent einbrechen lassen. In so einem Fall rentieren sich auch diese hohen Ausgaben“, betont die Forscherin. Ob die wissenschaftlichen Erkenntnisse bei den Politiker:innen auf offene Ohren stoßen? „Ich habe schon den Eindruck, dass unsere Expertise geschätzt wird. Allerdings spiegelt sie sich nicht durchgängig in der Formulierung politischer Ziele wider.“
