BIODIVERSITÄT

Es kreucht und fleucht

Was haben die hübsche Zauneidechse, die Große Holzbiene und die Mehlschwalbe gemeinsam? Ihre Lebensräume schwinden, ebenso wie die vieler anderer Tiere. Die Uni Graz tut etwas dagegen. Überall am Campus entstehen Flächen und Orte, wo auch selten gewordene Arten Ruhe, Nistmöglichkeiten und Nahrung finden.

In leuchtendem Grün imponieren die Männchen der Zauneidechse zur Paarungszeit. Einst war die Art großflächig in Graz verbreitet. Heute existieren im Stadtgebiet nur mehr wenige isolierte Populationen, die größte davon im Botanischen Garten und seiner näheren Umgebung. In dieser grünen Oase hat die Zauneidechse alles, was sie braucht: einen strukturreichen Lebensraum mit dichter Vegetation und Steinen zum Verstecken oder zum Sonnen sowie lockeren Boden, in den sie ihre Eier legen kann. Auf einer Fläche von rund 2,8 Hektar beherbergt der Botanische Garten der Uni Graz tausende verschiedene Pflanzen; und fast 2000 wild lebende Tiere wurden von Studierenden und Lehrenden des Instituts für Biologie in den letzten Jahren dort dokumentiert. Darunter erst kürzlich eine sogenannte Urwaldreliktart: der Gemeine Gicht-Saftkäfer (Bothrideres bipunctatus). Er ist auf urwaldtypische Strukturen angewiesen und daher sehr selten geworden.
Nicht nur der Botanische Garten bietet Flora und Fauna wertvolle Habitate. Der gesamte Campus der Uni Graz ist ein Biotop der Artenvielfalt. Neben dem Universitätsplatz umfasst er zahlreiche weitere Areale, wie etwa den Park beim Zentrum für Molekulare Biowissenschaften in der Mozartgasse oder den Bereich um das Trainings- und Diagnostikzentrum am Rosenhain. Damit die Biodiversität noch weiter wächst, wird sie durch gezielte Maßnahmen gefördert. Seit einigen Jahren entstehen neue Wohlfühlorte für Vögel und Fledermäuse, Eidechsen, Käfer, Wildbienen und viele andere beeindruckende Lebewesen.

Jedem Tier sein Plaisir
2023 hat die Uni Graz mit Expert:innen des Instituts für Biologie und dem Ökoteam Graz eine Biodiversitätsstrategie entwickelt, um die Vielfalt von Flora und Fauna am Campus zu erhöhen. Im Fokus stehen dabei ausgewählte Arten, für die geeignete neue Rückzugsorte, Nisthilfen und Nahrungsquellen geschaffen werden.
Das Vier-Sterne-Insektenhotel vor dem Institut für Biologie am Universitätsplatz 2 konnte sich bereits über illustre Gäste freuen: „Die Rote und die Gehörnte Mauerbiene, die Asiatische Mörtelbiene und die Blaue Goldwespe haben neben anderen Arten bereits Quartier bezogen“, berichtet Insektenexperte Gernot Kunz. Er hat gemeinsam mit Kolleg:innen erforscht, wie solche Hotels zu gestalten sind, damit sie auch angenommen werden. „Unsere Beobachtungen zeigen, dass wir die Tiefe des Rahmens deutlich vergrößern müssen, um den wichtigsten Strukturen – dem morschen Holz und dem Sand-Lehm-Gemisch – mehr Raum zu gewähren. Erst dann können naturschutzfachlich besonders relevante Arten die Nisthilfe nutzen.“ Zehn weitere auf Basis der wissenschaftlichen Erkenntnisse ausgestattete Insekten-Hotels sollen am Campus noch folgen.
Ein anderer Lieblingsort für viele verschiedene Lebewesen ist Totholz. So wie der Stamm einer gefällten Platane, der vor rund eineinhalb Jahren ebenfalls vor dem Biologie-Institut seinen Platz gefunden hat. Er bietet einer Gemeinschaft von Pilzen, Insekten, Asseln und anderen Organismen wertvollen Lebensraum. Weniger auffällige Anlagen von Totholz finden sich an mehreren Orten am Campus, wie jene in einem Miniwald beim RESOWI-Zentrum. „Jedes noch so kleine Habitat zählt. Das gilt auch für Sandflächen oder Ansammlungen von Steinen, die ebenfalls attraktive Mikrohabitate für unterschiedliche Tiere sind, von Laufkäfern und Spinnen über Wildbienen bis hin zu Eidechsen“, weiß Christian Sturmbauer, Professor für Zoologie und Evolutionsbiologie an der Uni Graz. Der Forscher befasst sich intensiv mit dem Thema Artenvielfalt. Er ist auch im Leitungsteam des Österreichischen Biodiversitätsrats und der Zoologisch-Botanischen Gesellschaft ehrenamtlich tätig.
Der Verlust von Versteckmöglichkeiten und Brutplätzen durch die zunehmende Verbauung und Versiegelung von Flächen macht auch Vögeln und Fledermäusen zu schaffen. Mit Nistkästen, die an die speziellen Bedürfnisse bestimmter Arten angepasst und an geeigneten Orten angebracht sind, schafft die Uni Graz Ersatz. So soll etwa die Mehlschwalbe, deren Bestand in Graz in den letzten Jahrzehnten stark abgenommen hat, wieder am Campus heimisch werden. Für Arten wie die Zwergfledermaus oder das Kleine Mausohr werden ungenutzte Dachräume durch kleine Öffnungen zugänglich gemacht und Hängeplätze eingerichtet.

Blühende Schatztruhen
Damit solche Orte tatsächlich genutzt werden, muss auch das Umfeld passen. Dazu gehört ein entsprechendes Nahrungsangebot. Für Vögel und Fledermäuse sind das vor allem Insekten, aber auch Samen und Früchte.
2023 bekam die Nordwiese am Universitätsplatz einen Streifen mit vielen Arten heimischer Wildblumen. Sechs neue mit einer Fläche von insgesamt 270 Quadratmetern folgen demnächst, ebenfalls am Universitätsplatz sowie beim Zentrum für Molekulare Biowissenschaften, Humboldtstraße 48. Die Saatgutmischungen wurden von Sarah Bürli, Leiterin des Botanischen Gartens, und ihrem Kollegen Adam Clark, Leiter der Forschungsgruppe Biodiversitätswissenschaften, zusammengestellt.
Artenreiche Blühwiesen schaffen, was im städtischen Raum mittlerweile rar ist: Lebensräume für Schmetterlinge, Käfer, Heuschrecken, Wildbienen und andere Insekten. „Viele gefährdete Spezies können sich auf solchen Wiesen ansiedeln. Sie bieten ihnen nicht nur die nötige Nahrung, sondern sich auch Orte für die Fortpflanzung“, erklärt Gernot Kunz. Darüber hinaus erfüllen Blühstreifen weitere wichtige ökologische Funktionen, indem sie Bodenlebewesen fördern, natürliche Bestäubung unterstützen und das Mikroklima verbessern. Die Anlagen der Uni Graz werden auch für Forschung und Lehre sowie zur Bewusstseinsbildung für die Bedeutung von Biodiversität genutzt.
Ebenso ein Eldorado für viele Tiere sind die Hecken, Sträucher, Stauden und rund 600 Bäume am gesamten Campus, inklusive Botanischer Garten. Laufend kommen neue hinzu. Dabei wird darauf geachtet, klimarobuste, vorrangig heimische sowie für Insekten und Vögel attraktive Pflanzen, wie etwa Vogelbeere oder Holunder, auszuwählen.

Grün und cool
Ein Pionierprojekt hat die Uni Graz am Universitätszentrum Theologie gestartet. Sein Name „HeinrichBiCool“ ist Programm: Eine Fassadenbegrünung soll das Gebäude in der Heinrichstraße 80 im Sommer kühlen. Gleichzeitig entsteht damit ein grüner Lebensraum, der einmal mehr zur Erhöhung der Artenvielfalt am Campus beiträgt. Bei Untersuchungen im Vorfeld wurden bereits überraschend viele Tiere seltener Spezies entdeckt. Die Begleitforschung wird zeigen, wie sich die Begrünung auf die Biodiversität, aber auch auf Raumklima, Bauphysik und Energieverbrauch auswirkt. Das durch Mittel der Österreichischen Forschungsförderungsgesellschaft FFG finanzierte Projekt wird aufschlussreiche Erkenntnisse auch für zukünftige Projekte im urbanen Raum liefern.

Wildnis-Korridor
Durch zunehmende Bebauung, intensive Landwirtschaft und den Einsatz von Pestiziden hat die Biodiversität in den letzten Jahrzehnten vielerorts massiv abgenommen. Im städtischen Raum sind es vor allem die Versiegelung von Flächen und die Modernisierung des Gebäudebestands, die immer mehr Tieren Verstecke, Nistplätze und Nahrungsquellen rauben. Daher kommt der Biodiversitätsstrategie der Universität große Bedeutung zu. Eine besondere Rolle spielt dabei unter anderem die Lage des Campus: „Als einer der größten Grünräume in Graz stellt er nicht nur ein wichtiges Biotop dar, sondern bildet als Brücke zwischen Stadtpark und Hilmteich auch einen Korridor für die Verbreitung von Arten. Insbesondere der Botanische Garten ist mit seinem alten Baumbestand ein bedeutender Trittstein in Richtung Leechwald“, erklärt Christian Sturmbauer.

Inhaltsverzeichnis
Die Große Holzbiene findet an der Universität Graz Nistmöglichkeiten.

Die Große Holzbiene findet an der Universität Graz Nistmöglichkeiten.

Die Rote Mauerbiene – hier bei der Paarung – ist in das Insektenhotel am Campus eingezogen.

Die Rote Mauerbiene – hier bei der Paarung – ist in das Insektenhotel am Campus eingezogen.

Ein Urwaldrelikt: der Gemeine Gicht-Saftkäfer

Ein Urwaldrelikt: der Gemeine Gicht-Saftkäfer

In Graz äußerst selten: die Zauneidechse

In Graz äußerst selten: die Zauneidechse

Fledermausarten wie das Kleine Mausohr erhalten Zugang zu Dachräumen an der Uni.

Fledermausarten wie das Kleine Mausohr erhalten Zugang zu Dachräumen an der Uni.

Für die Mehlschwalbe werden ebenfalls Nisthilfen eingerichtet.

Für die Mehlschwalbe werden ebenfalls Nisthilfen eingerichtet.

Das Insektenhotel vor dem Universitätsplatz 2 ist nach dem aktuellen wissenschaftlichen Stand gefertigt.

Das Insektenhotel vor dem Universitätsplatz 2 ist nach dem aktuellen wissenschaftlichen Stand gefertigt.

Eine gefällte Plantane bietet als Totholzbaum neuen Lebensraum.

Eine gefällte Plantane bietet als Totholzbaum neuen Lebensraum.

Der Botanische Garten ist ein Wildnis-Korridor zwischen Campus und Leechwald.

Der Botanische Garten ist ein Wildnis-Korridor zwischen Campus und Leechwald.

Bewuchs fürs Raumklima: das Projekt HeinrichBiCool

Bewuchs fürs Raumklima: das Projekt HeinrichBiCool