BIOÖKONOMIE
Ist Holz der Weg?
Können Unternehmen profitabel wirtschaften und gleichzeitig die Umwelt schützen? Ja, sagt Bioökonom Tobias Stern. Fossile Rohstoffe einfach durch nachwachsende zu ersetzen, führt allerdings nicht zwangsläufig zum Ziel. Wegwerf-Produkte schneiden in der Ökobilanz immer schlecht ab.

Pellets statt Heizöl, kompostierbares Plastik, Textilien aus Biomasse: Man nimmt natürliche Ressourcen, um nachhaltiger zu leben oder produzieren. „Ganz so einfach ist die Rechnung leider nicht. Betrachtet man in einer Ökobilanz die verschiedenen Auswirkungen auf die Umwelt über die gesamte Lebensspanne eines Erzeugnisses, so schneiden nachwachsende Rohstoffe nicht immer besser ab“, resümiert Tobias Stern. Der studierte Forstwirt ist Professor für Innovations- und Transitionsforschung an der Universität Graz und hat unter anderem den Einsatz von Holz in der Fahrzeug- sowie von Pflanzenfasern in der Kunststoffindustrie untersucht. „Egal ob Fichte, Soja oder Raps, alle benötigen große Anbauflächen und stehen direkt oder indirekt in Konkurrenz zur Lebensmittelherstellung“, verweist Stern auf ein gemeinsames Manko. Wenn man jedoch zum Beispiel die Nutzungsdauer von Produkten deutlich verlängert, dann lässt sich das Klima wirkungsvoll schützen.
Paradebeispiel Baum
Als Vorzeige-Sparte für die Nachhaltigkeit schlechthin galt jahrzehntelang die Forstwirtschaft, die ja naturgemäß nicht mehr verbrauchen kann, als nachwächst. Doch rein die Produktionsmengen zu betrachten, greift für die Ökobilanz zu kurz. Wasserverbrauch und Biodiversität müssten mit ins Kalkül gezogen werden. Außerdem steuern wir in Österreich trotz rücksichtsvollem Umgang mit der Ressource auf jenen Punkt zu, an dem die Nachfrage der Holzindustrie und der Energieproduktion nicht mehr ohne Weiteres erfüllt werden kann. Wälder wachsen mit zunehmendem Alter weniger stark, der Klimawandel gibt den Fichten-Monokulturen den Rest. Windwurf, Borkenkäfer und Brände zerstören immer größere Flächen. „Die vermeintliche Nachhaltigkeit – also weniger zu ernten als zuwächst – führt uns also auch in eine Sackgasse. Aber immerhin hat man sich in der Branche schon damit auseinandergesetzt. Beim Verbrauch von Metall oder Erdöl ist das teilweise bis heute nicht passiert“, kritisiert Stern.
Um ihre Bilanz zu verbessern, müsse man – wie bei Kunststoffen – auch bei nachwachsenden Ressourcen darauf achten, dass sie über viele Jahre in Verwendung bleiben beziehungsweise wiederverwertet werden. „So lange unser Wirtschaftssystem kurzlebige Produkte fördert, bleibt ein Hauptproblem bestehen“, mahnt der Forscher. Natürliche Alternativen zu auf Erdöl basierenden Materialien und chemischen Substanzen ließen sich im Labor beinahe für alles finden. „Aber entweder sie bewirken insgesamt keine ökologische Verbesserung, oder sie rechnen sich wirtschaftlich nicht“, fasst der Bioökonom zusammen. Neue Ansätze aus der Forschung lassen sich momentan im Produktionsmaßstab nur selten gewinnbringend umsetzen. „Beim Upscaling müssen wir besser werden“, räumt Stern ein.
Wunsch und Wille
Die industrielle Machbarkeit ist allerdings nicht die einzige Hürde, auf die nachhaltige Erneuerungen stoßen. „Innovationen, die von der Bevölkerung nicht legitimiert sind, haben keine Chance“, weiß der Transitionsforscher und verweist auf den stockenden Ausbau der Windkraft. Die Argumente der Gegner:innen – etwa dass dadurch Fläche versiegelt wird oder Tiere zu Schaden kommen können – würden auch auf den Straßenverkehr zutreffen, an dem aber nicht gerüttelt wird. Für den Ausstieg aus fossiler Energie seien Windräder trotz ihrer Nachteile alternativlos. „Der Knackpunkt ist“, meint Stern: „Kann man sich an ihren Anblick gewöhnen?“ Daran, zumindest ihre Ökobilanz zu verbessern, arbeitet er mit seinem Team. Im Rahmen des EU-Projekts Re-Fibre suchen sie nach umweltfreundlicheren Materialien zum Beispiel für die Rotorblätter. Der aktuell verwendete glasfaserverstärkte Komposit lässt sich am Ende der Nutzungsdauer schwer recyceln. Neuartige Verbundwerkstoffe aus Holz und anderen nachwachsenden Rohstoffen könnten künftig eine Alternative sein. „Wir haben noch drei Jahre Zeit. Ich bin überzeugt, dass wir bis dahin sehr gute Lösungen finden“, erwartet der Wissenschaftler.
Stern ist durch seine Forschung mit zahlreichen Firmen in Kontakt, die auf die Expertise der Universität Graz bauen, um selbst nachhaltiger zu werden. Beispielsweise beschäftigt der deutsche Autokonzern BMW mehrere Dissertant:innen des Instituts für Umweltsystemwissenschaften. „Die Sensibilität für das Thema hat sich bei den Unternehmen in den letzten zehn Jahren signifikant erhöht“, beobachtet der Ökonom. Nachsatz: „Sonst überlebt bei uns die Wirtschaft nicht.“
