MUSIKWISSENSCHAFT

Stadt, Land, Ton

Die Musik der Altsteinzeit war reinste Natur. Bis vor ungefähr 40.000 Jahren der Homo sapiens begann, aus Vogelknochen Flöten zu schnitzen und neue Töne in die Umwelt schickte. Heute überlagert ein ständiges künstliches Grundrauschen die Klangkulisse der Welt: Verkehr, Maschinen, Alltag. Was sich zu konkurrenzieren scheint, entfaltet in ihrer Kombination eine besondere Wirkung. Die Mischung aus natürlichen und menschengemachten Klängen kann entspannen, mobilisieren, aber auch radikale Ideologien befeuern, weiß der Musikwissenschaftler Joep Janssens.

Musikwissenschaftler Joep Janssens steht an einem geöffneten Flügel.

Dass der Mensch Lebensräume verschwinden lässt und dadurch die natürliche Klangumwelt „verflacht“, kam ab den späten 1960er-Jahren ins allgemeine Bewusstsein. 1971 begründete der kanadische Komponist Raymond Murray Schafer das World Soundscape Project. Es hatte zum Ziel, Töne in ihrer natürlichen Umgebung zu bewahren und zu erforschen. „Durch die Aufnahme und Speicherung wurde die individuelle akustische Wahrnehmung allen Menschen überall zugänglich“, erklärt Janssens.
Diese „field recordings“ verstanden sich als bewusste Gegenbewegung zur urbanen Lärmverschmutzung. Charakteristischerweise kommen sie ohne einordnende Erzählstimme aus. Bekannt ist etwa das 1988 erschienene Album „Distant Thunder“ des amerikanischen Naturforschers Bernie Krause. „Soundscapes machen uns aufmerksamer auf das, was wir als schützenswert empfinden. Dieser Effekt verstärkt sich bei vielen Menschen, wenn Musik und Naturklänge gemischt werden, zum Beispiel ein Klavier und Regentropfen“, führt der niederländische Forscher aus. Solche „Nature Ambience“-Tracks werden millionenfach gestreamt. Aus der Kombination von Kunst und Natur entstehen neue, fiktive Klanglandschaften, die uns beim Einschlafen oder fokussierten Arbeiten unterstützen sollen.

Wertgeschätzte Wildnis
Eine erste Welle der Würdigung für die vermeintlich unberührte Natur gab es bereits ab dem 18. Jahrhundert. Als unkontrollierbar, mitunter schauerlich, aber vor allem erhaben und als Gegenbild zur industrialisierten Stadt wurden „wilde“ Gegenden erlebt und in Musik, Malerei und Literatur verewigt. „Der ästhetische Wert, der Landschaften zugeschrieben wurde, spielte eine wichtige Rolle im Prozess der Nationsbildung. Und die Musik trug einen wesentlichen Teil dazu bei“, beschreibt Janssens, der in seiner Heimat einen Bachelor in Forstwissenschaft abgeschlossen hat.
Als Beispiel nennt er das Konzept des deutschen Waldes und das damit verbundene Liedgut. Beides war ein guter Nährboden für den aufkeimenden Nationalismus in den deutschsprachigen Gebieten des 19. Jahrhunderts. „Der Wald galt als ursprünglich, vor Kraft strotzend und ungezähmt. Zudem bildete er die Klammer für Märchen, Sagen und Legenden, die einer gemeinsamen germanischen Vergangenheit zugeschrieben wurden. Diese symbolischen Bilder waren für das damalige Narrativ eines höherstehenden Menschenschlags extrem anschlussfähig“, schildert der Musikwissenschaftler. Er erforscht in seiner Dissertation, wie diese Erzählmuster im Chorwesen des 19. Jahrhunderts die kollektive Identitätsstiftung und deren allmähliche Radikalisierung beeinflussten.

Identität und Ideologie
Als ein Paradebeispiel nennt Janssens Felix Mendelssohn-Bartholdys Lied „Der Jäger Abschied“, eine um 1840 entstandene Vertonung eines Gedichts von Joseph von Eichendorff. Es beschreibt den Wald als Raum für Andacht, Heimat und Identität. „Den dazu passenden Sound schuf der Komponist mit Echowirkungen und Jagdhornfiguren. Mit diesem Stilmittel macht er den Ort hörbar“, erklärt der Forscher. Bürgerliche Männer sangen dieses Chorwerk oft bewusst in Wäldern, sodass Text und Kontext miteinander verschmelzen konnten. „Weil das Stück verhältnismäßig einfach ist, konnten auch Menschen ohne professionellen Gesangskenntnisse ihre nationalpolitischen Überzeugungen artikulieren. Das verstärkte das Gefühl der Zugehörigkeit“, erklärt Janssens. „Im Umkehrschluss erleichtern und befeuern solche ideologisch aufgeladenen Vorstellungen die Abgrenzung – zu allem, was nicht zu ‚uns‘ gehört, was nicht ‚deutsch‘ wäre“, formuliert der Wissenschaftler weiter. Die Nationalsozialist:innen entfernen das Lied übrigens später aufgrund der jüdischen Herkunft Mendelssohn-Bartholdys aus ihrem Kanon.
Die Politisierung des deutschen Waldes hat auch heute noch Relevanz. Die Thüringer AfD verwendete beispielsweise in ihrem Wahlprogramm von 2024 ein Gedicht des völkisch gesinnten Nationalisten Franz Langheinrich aus dem Jahr 1912. Es beginnt „Rauscht ihr noch, ihr alten Wälder?