STADTLEBEN
Grün im Grau
Ein paar Blüten auf der Fensterbank heben das Gemüt, die schattenspendende Allee auf dem Weg zum Supermarkt erleichtert den städtischen Alltag im Hochsommer. Urbaner Grünraum wird immer wichtiger, bestätigt die Geographin Anke Strüver. Sie erforscht, wie man ihn möglichst allen sozialen Schichten zugänglich machen kann.
Geschlossene Häuserreihen, geometrisch gestaltete Straßenzüge, getrimmte Wiesen und Sträucher in den Parks: „Die Stadt ist das genaue Gegenteil zur Natur. Selbst auf Balkonen oder in Grünanlagen werden zwar Tulpen und Geranien gesetzt, aber der Löwenzahn ausgerissen und das Gras bekämpft, das aus kleinen Ritzen sprießt“, schildert Anke Strüver. Bepflanzte Oasen sind dennoch gefragter denn je – als Zonen der Regeneration und der sozialen Interaktion. „Das ist in der Covid-Pandemie besonders offensichtlich geworden“, erinnert die Forscherin. Im Frühling zieht es die Menschen wieder mehr ins Freie, im Sinne der Volksgesundheit ist das auch begrüßenswert: Die positive Wirkung auf Körper und Geist ist zigfach belegt. „Die Bevölkerung braucht gut strukturierte Parks mit vielfältigen Angeboten, die sind dann hoch frequentiert. Der Grazer Augarten ist ein gutes Beispiel dafür“, ergänzt die Forscherin.
Der Klimawandel verschärft das Verlangen nach schattigen und kühleren Plätzen in der frischen Luft. „Fußwege entlang von Flüssen sind eine Möglichkeit, der Sommerhitze ein bisschen auszuweichen“, resümiert die Geographin, die sich als ausgeprägte Stadt-Liebhaberin deklariert. Sie selbst geht gerne zu Fuß in die Arbeit und nimmt dafür einen Umweg in Kauf, um entlang der Mur unterwegs sein zu können. „Es ist mir sehr bewusst, dass ich da in einer privilegierten Position bin. Eine Mutter mit Termindruck und Betreuungspflichten hat diese Möglichkeit wohl kaum“, räumt Strüver ein. „Und nicht nur beim Faktor Zeit ist die Erfüllung des Bedürfnisses nach Grün ungerecht verteilt.“
Gekaufte Natur
Der neueste Trend, der Asphalt- und Betonwüste wieder ein bisschen Flora und Fauna abzuringen, vergrößert die soziale Kluft im urbanen Raum. Dächer und Fassaden werden nun begrünt, anstatt Moos und Flechten davon zu entfernen, Ufer renaturiert. Im Hinblick auf den Klimawandel seien derartige Maßnahmen absolut sinnvoll, ist die Forscherin überzeugt: „Sie senken die Temperatur und steigern die Luftqualität.“ Allerdings verdienen Unternehmen auch gutes Geld damit. „Was früher selbstverständlich und kostenlos war, muss die Bevölkerung nun bezahlen“, kritisiert Strüver. Das betrifft nicht nur die neu geschaffene Kühlung. Der Trend der „Green Gentrification“ lässt sich in vielen Städten beobachten: „Die Wohnungspreise in der Nähe von Grünräumen ziehen an, ohne dass die Immobilien selbst aufgewertet werden“, erklärt die Geographin.
In Graz sieht man das links der Mur, wo die Wohnungen und Richtung Stadtrand auch die Gärten geräumiger sind, außerdem die größten Parks liegen. Auf der rechten Seite hingegen findet man kaum beschattete Grünflächen. „Im Bezirk Gries habe ich sogar innerhalb derselben Immobilie Segregation festgestellt“, berichtet die Forscherin. Wohnungen, die Richtung Fluss und Augarten ausgerichtet sind, werden zu deutlich höheren Preisen verkauft als jene auf die zwar leisere, aber baumlose gegenüberliegende Seite.
„Graz – und auch Wien – sind extrem zugepflastert. In vielen Wohngebieten findet man keine Pflanze entlang der Straße. In den Niederlanden und Deutschland ist das anders“, hat Strüver beobachtet, die schon in vielen Städten gelebt hat. Im Sommer erschwert das den Menschen die Flucht aus überhitzten Wohnungen, wenn sie sich keine Klimaanlagen leisten können. „Auch das gehört zur weit verbreiteten Energiearmut“, stellt die Geographin fest und zitiert den deutschen Soziologen Steffen Mau: „Der nächste Klassenkampf ist der Klimakampf.“
Um sich vor hohen Temperaturen schützen zu können, benötige man Grünraum, soziale Kontakte sowie finanzielle Mittel. „Menschen mit Migrationshintergrund, Ärmere aber auch körperlich beeinträchtigte Personen – etwa Ältere oder chronisch Kranke – sind da mehrfach benachteiligt“, resümiert Strüver. Sogenannte Pocket Parks und Grünraumachsen könnten in urbanen Gegenden Abhilfe schaffen. Solche sind beispielsweise nach dem Hurricane Katrina in New Orleans entstanden. „Wenn man stark frequentierte Wege in Alleen verwandelt, damit die Bevölkerung im Idealfall immer im Schatten von A nach B gelangt, ist sehr viel geholfen“, erklärt die Geographin. In Graz sei beispielsweise das rechte Murufer kaum zugänglich. „Das bietet viel Potenzial“, meint die Forscherin. Jeder Baum, den man in versiegelten Vierteln pflanzt, jede Wiese, die angelegt wird, bietet eine kleine Oase für das subjektive Wohlbefinden der Bewohner:innen, selbst wenn sie nicht direkt messbar zur Abkühlung beitragen.
Gemüse für alle
Hippe Hochbeete, in denen Erdbeeren, Kapuzinerkresse oder Kürbisse wachsen, haben in den vergangenen Jahren in vielen Städten Einzug gehalten. Sind sie ein Bobo-Trend oder haben sie nachhaltigen Nutzen? Sehr häufig zweiteres, weiß Anke Strüver und zählt erfolgreiche Beispiele auf. In St. Pauli, Hamburgs Bezirk mit der höchsten Versiegelungsdichte, betreibt eine Initiative einen Stadtgarten auf Flachdächern und Parkhäusern, eine weitere zieht in Berlin Kräuter und Gemüse am ehemaligen Flughafengelände am Tempelhofer Feld. Urban Gardening fördere – ähnlich wie Parks – die soziale Begegnung und die kulturelle Integration. „Die Gärten sind eine konsumfreie Zone und bieten sinnvolle Beschäftigung. Teilweise wird dort auch gemeinsam gekocht, in Frankfurt werden beispielsweise Obdachlose versorgt“, führt die Geographin aus. In Wien oder Graz gibt es ebenfalls eine ganze Reihe von Projekten. So bringen Graswurzel-Bewegungen etwas mehr kultivierte Natur in Betonwüsten und heben die Qualität der Orte.