ALTERNSFORSCHUNG
Du darfst

Digitale Amtswege, Reise-App und smarter Geschirrspüler: Tools für die Jungen, Hürden für die Älteren? Kulturwissenschaftlerin Ulla Kriebernegg zeichnet ein differenziertes Bild.
Nachdenklich legt sie das Prospekt des Elektromarkts beiseite. Smartphones wären jetzt echt günstig. Brigitte überlegt. Sie ist 76 Jahre alt, aktive Pensionistin und lebt allein. Brigitte ist eine fiktive Figur für die folgenden Zeilen, stellvertretend für viele ältere Menschen. Wie so manche:r ihrer Generation ist die Seniorin unsicher: Soll sie sich ein Smartphone kaufen? In ihrem Alter? Ulla Kriebernegg, Leiterin des Zentrums für Interdisziplinäre Alterns- und Care-Forschung, sieht kein Hindernis:
In unseren Köpfen ist Fortschritt mit Jugend gekoppelt, Alter hingegen mit Rückständigkeit. Doch Studien widerlegen dieses Bild. Alter allein ist keine Kategorie. Sozialer und ökonomischer Background sind ebenso entscheidend. Wird uns aber ständig eingeredet, wir können etwas nur aufgrund des Alters nicht, dann prägt es unser Selbstbild.
Brigitte blättert das Prospekt noch einmal durch. Wird sie ein Smartphone überhaupt bedienen können? Soll sie sich das zumuten? „Selbstverständlich“, sagt Kriebernegg:
Technikaffinität ist keine Frage von Lebensjahren. Auch wenn es Unterschiede macht, ob Menschen mit Neuerungen aufwachsen oder diese erst später kennenlernen. Jugendliche von heute können vermutlich nichts mit einem Wählscheiben-Telefon oder einen VHS-Recorder anfangen.
Es wird Senior:innen geben, die Unterstützung benötigen, um eine neue Technologie zu benutzen. Dieser Bedarf besteht bei anderen Altersgruppen ebenfalls. Kinder müssen in der Schule Medienkompetenz erst erwerben. Die Werbung verstärkt allerdings das Klischee von der unwissenden, hilflosen älteren Person, wenn zum Beispiel ein digitaler Vorgang als „omaleicht“ bezeichnet wird. Ganz unabhängig vom Alter braucht es die Motivation, Neues zu erlernen. Viele ältere Menschen lernen den Umgang mit einem Smartphone, weil sie beispielsweise mit ihren Enkelkindern kommunizieren oder Fotos austauschen wollen. Es geht um soziale Teilhabe.
Brigitte hat gelernt, das neue Fernsehgerät zu bedienen, also wird es mit dem Smartphone klappen. Sie will mit der Zeit mithalten. „Fortschritt bedeutet Errungenschaften“, betont Ulla Kriebernegg:
Es geht darum, Lösungen zu finden und das Leben zu verbessern, zum Beispiel in der Medizin. Es stellt sich eher die ethische Frage: Welche Innovation tut möglichst vielen und nicht nur wenigen gut? Gerade Ältere erleben Veränderungen nicht nur in der Technologie, sondern auch in der Gesellschaft. Sie tragen diese Entwicklung oft mit, gelten aber gleichzeitig als traditionell und skeptisch gegenüber Neuerungen. Das ist ein Mythos. Die Wahlanalysen zeigen, dass sie nicht konservativer als der Durchschnitt sind. Es gibt viele ältere Menschen, die sich für Klimaschutz oder gegen Diskriminierung engagieren, wie „Omas gegen Rechts“.
So macht sich Brigitte sehr wohl Gedanken, wie es mit der Welt weitergeht – in Zeiten von Kriegen, Wirtschaftskrisen und vor allem des Klimawandels. Vieles geht der Frau durch den Kopf. Doch wer nimmt sie ernst? Weil sie wird es ja nicht mehr betreffen …
Vor allem hochbetagten sowie pflegebedürftigen Menschen wird häufig abgesprochen, offen dafür zu sein, was noch kommt – also sogenannte Zukünftigkeit zu besitzen. Wir negieren, dass sie nach wie vor etwas lernen können, dass sie über das Morgen nachdenken. Am Beispiel der Klimakrise erleben wir, dass Stereotype bedient werden. Alte Menschen müssen einerseits als Sündenböcke herhalten, weil sie Umwelt kaputtgemacht haben. Und jetzt kümmert es sie nicht mehr. Sie werden andererseits in die Opfer-Rolle gedrängt. Als vulnerable Gruppe, die jetzt ganz besonders unter Folgen leidet. Alle Zuschreibungen stimmen so nicht. Wahr ist vielmehr, allen wird eigenständiger Handlungsspielraum verweigert.
Brigitte schließt das Prospekt des Elektromarkts. Gleich morgen wird sie sich ein neues Mobiltelefon kaufen. Und wenn sie nicht weiterweiß, dann fragt sie eben ihre Enkelin oder ihre 78-jährige Freundin. Diese besitzt nämlich schon längst ein Smartphone.