DATA SCIENCE

Denken macht schlau

„Bitte schreibe mir ein Exzerpt dieses Fachartikels.“ Ein Prompt, der Studierenden Zeit spart und die Frage aufwirft, welche Fähigkeiten sie künftig brauchen in einer Welt, in der künstliche Intelligenz selbstständig Aufgaben erledigt. Jana Lasser, Professorin für Data Analysis, klärt über gesellschaftliche Möglichkeiten und Risiken auf, entwirft Zukunftsszenarien und spricht darüber, wann es sinnvoll ist artifizielle Intelligenz zu nutzen und wann man besser selbst denken sollte.

Jana Lasser sitzt mit überkreuzten Beinen vor einem Glasdach des Gewächshauses im Botanischen Garten der Uni Graz

Ob beim Flug Buchen, Programmieren oder im wissenschaftlichen Schreibprozess: Künstliche Intelligenz ist längst Teil unseres Alltags. Die Frage ist deshalb nicht mehr, ob wir sie nutzen, sondern wofür und wo besser nicht. Während generative KI wie ChatGPT oder Midjourney Texte und Bilder erstellt, arbeitet die agentische Variante deutlich eigenständiger: „Dieses System kann nicht nur mit seiner Umwelt interagieren, sondern auch Dateien erstellen, Programmcodes ausführen und Ergebnisse weiterverarbeiten“, erklärt Lasser. „Die Allgemeinheit unterschätzt häufig, was bereits möglich ist.“ Mittlerweile könne die Technologie Programmiertätigkeiten von bis zu zwölf Stunden Dauer autonom ausführen, wobei fünfzig Prozent dieser Aufgaben fehlerfrei seien. Welche Risiken mit solchen Fähigkeiten verbunden sind, zeigt der Cyberangriff im Juli 2026, bei dem autonome KI-Agenten des US-Tech-Konzerns OpenAI aus ihrer Testumgebung ausbrachen sind und die Plattform Hugging Face hackten. Dass artifizielle Intelligenz auch in der physischen Welt zur Bedrohung werde, hält Lasser aber für unrealistisch. Gerade Tech-Giganten würden das Doomsday-Szenario nutzen, um von ihrer Verantwortung für die negativen Effekte abzulenken, die KI jetzt schon hat.

Hirnschmalz verwenden
Für Studierende sind KI-Tools mittlerweile selbstverständlich. Bei einer Social-Media-Umfrage der Uni Graz gaben 216 von 296 Teilnehmenden an, die Werkzeuge zu nutzen. Diese eignen sich besonders gut für das Programmieren von Webseiten und Apps und öffnen damit die Tür auch für jene, die kein Informatikstudium hinter sich haben. Für Lasser eine der spannendsten Entwicklungen: „Heute kann jede:r sein eigenes digitales Projekt umsetzen. Das setzt eine gewaltige Kreativität frei.“ Besonders gut funktioniere auch die Produktion kohärenter Texte, so die Forscherin. Die Versuchung ist daher groß, im Studium von „Hilf mir dabei“ zu „Mach das für mich“ überzugehen. Diese Entwicklung sieht die Datenanalystin jedoch kritisch, denn sie beeinflusse unsere kognitiven Fähigkeiten. „Im Schreiben strukturiert sich unser Denken. Lagern wir es an die KI aus, gehen Argumentationsprozesse verloren und wir graben uns unsere eigene Expertise ab“, erklärt die habilitierte Informatikerin. Zudem bleibe beim Lernen mit künstlicher Intelligenz weniger im Gedächtnis hängen.
Das ist für Studierende auch im Hinblick auf einen sich wandelnden Arbeitsmarkt schwierig und stellt Universitäten vor Herausforderungen. „Vier Jahre nur Prompts erstellen, ist keine Bildung“, kritisiert Lasser. Es brauche neue Lehr- und Prüfungsformen. Die Forscherin sieht im prozessorientierten Arbeiten die Zukunft. Die Zwischenschritte, die zum Endergebnis geführt haben, würden an Bedeutung gewinnen. Ganz im Sinne von: Der Weg ist das Ziel. Wer im Studium alle Aufgaben an die KI auslagert, macht sich langfristig obsolet: „Als menschliche Promptmaschinen sind wir austauschbar“, so die promovierte Physikerin. Um in der Berufswelt Fuß fassen zu können, lautet die entscheidende Frage: Was macht mich für Arbeitgeber:innen interessant? Eine mögliche Antwort darauf könnte in der eigenen Perspektive liegen. Künstliche Intelligenz könne Aufgaben zwar gut lösen, aber auf wenig kreative Weise, mahnt Lasser. Studien belegen, dass Menschen, die häufig mit KI-Modellen arbeiten, Schritt für Schritt deren Denkweise übernehmen. Die Folge ist eine kognitive Homogenisierung, aber auf wenig kreative Ideen, Schreibstile und Blickwinkel.„Wir müssen uns deshalb überlegen, wo wir eigene Expertisen entwickeln können, die über das hinausgehen, was KI leisten kann“, betont die Forscherin.

Künstliche Schleimspur
Dazu gehört auch, die Grenzen und Risiken dieses Systems zu kennen. Eines ist die KI-Sykophantie, das unterwürfige, widerspruchslose und stets zustimmende Verhalten von Chatbots. Sie vertreten die Standpunkte der Fragenden – auch wenn dieser moralisch verwerflich ist. „Gesellschaftliche Auswirkungen werden hier einfach ignoriert“, ergänzt Lasser. Die Forschung zeigt, dass solche KI-Schmeicheleien bei Nutzer:innen die Überzeugung fördert, im Recht zu sein, obwohl soziale Reibung – besonders für junge Menschen – fundamental für langfristig gesunde zwischenmenschliche Beziehungen ist. „Wenn an künstlicher Intelligenz gearbeitet wird, muss man sich Gedanken darüber machen, wie das in die Gesellschaft eingebaut wird und welche Konsequenzen das haben kann“, hebt Lasser hervor.

Eine Frage der Zeit
Wie stark KI künftig den Studien- und Arbeitsalltag verändern wird, ist noch offen. Sicher ist für Lasser aber: Die Technologie wird in der Forschung helfen, schneller neue Erkenntnisse zu gewinnen und hat das Potenzial Zeit zu sparen. Letzteres könnte jedoch dazu führen, dass wir noch mehr leisten müssen, um mit der Maschine mithalten zu können. „Dieses Szenario schadet vor allem der psychischen Gesundheit. Niemand kann über eine längere Zeitspanne so konzentriert arbeiten, wie die KI“, formuliert die am IDea_Lab tätige Professorin. Dennoch: Die Hoffnung bleibt, dass Menschen die langfristig gewonnene Zeit für Forschung, Kreativität oder andere Dinge, die ihnen wichtig sind, nutzen können. „Wir müssen nur darum kämpfen, dass die Zeit auch bei uns bleibt“, resümiert Lasser.