AUSSENSICHT

Achtung vor der Arktis

Sebastian Ströbel ist Schauspieler und Filmemacher. Für seine Doku-Reihe „Meine Arktis“, die 2025 im ZDF zu sehen war, besuchte er die Forschungsstation der Universität Graz in Grönland. Was er von der Natur lernt, wofür es Forschung braucht und warum die Welt noch zu retten ist, erzählt er im Interview.

Sebastian Ströbel im Grönländischen Eis

Sie sind viel in extremen Regionen unterwegs. Wie erleben Sie das?
Für mich ist ein Tag, an dem ich nicht draußen bin, in Bewegung bin, ein verlorener Tag. Wer die Natur liebt, kommt zu sich, begreift die Zusammenhänge des Lebens viel besser und ist auch so viel schneller in der Lage, ein Verständnis für die Probleme der heutigen Zeit zu entwickeln. Durch meine tägliche Arbeit in den Bergen, mit den Menschen dort, bin ich viel geerdeter geworden. Ich ruhe mehr in mir und kann dadurch mehr Energie darauf verwenden, meine Umwelt wahrzunehmen. Ich bin offen für andere und ihre Bedürfnisse.

Was sollten wir von der Natur lernen?
Dass nichts ohne Konsequenz bleibt. Ich empfinde die Natur als zutiefst gerecht. Jeder und jede ist dafür verantwortlich, wie er oder sie sie nutzt. Sie braucht uns nicht, umgekehrt sind wir aber schicksalshaft mit ihr verbunden. Sie lädt uns in jeder Sekunde zum Lernen ein, zum Verstehen: Physik, Chemie, Medizin, Architektur, Mechanik – all das gibt uns die Natur vor. Dafür wären Demut und Respekt das Mindeste. Es macht einen fassungslos, wenn wir so tun, als könnten wir endlos weitermachen wie jetzt. Wir müssen uns wieder mehr an unseren Wurzeln orientieren.

Unsere Gesellschaft ist von Technik und Fortschritt getrieben, die Natur wird immer weiter zurückgedrängt. Können wir davon überhaupt noch abkehren?
Das wird schwierig. Aber eine Angleichung wäre nötig. Wenn ich sehe, mit welchem Respekt die Indigenen, egal ob die Inuit auf Grönland, die Samen in Skandinavien oder die Aymaras in den Anden, mit „Mutter Erde“ umgehen, bekomme ich Hoffnung und Glauben, dass auch wir in unserer globalisierten und hoch technisierten Welt uns wieder zurückbesinnen können auf die Kraft der Natur. Wir brauchen einen weltweiten Gesellschaftsvertrag, auch wenn utopisch. Es gibt so viele coole Menschen, die das begriffen haben. Wir sind sehr viele. Und jeder und jede, der sie sehen möchte, kann das immer und überall.

Sie haben die Forschungsstation der Universität Graz in Grönland besucht. Für wie wichtig halten Sie das Bestreben, die Natur wissenschaftlich zu erkunden?
Ich halte dieses Bestreben für immens wichtig. So zynisch das ist, aber der wissenschaftliche Fortschritt hat uns in die heutige Situation geführt und es kann, neben der Vernunft des Homo sapiens, auch nur die Wissenschaft sein, die uns Lösungen und Wege aufzeigt. Es ist nun mal eines der Merkmale des Menschen, dass er, außer über Zerstörungskraft, auch über ein hohes Maß an Überlebensfähigkeit verfügt. 

Braucht es überhaupt Wissenschaft, um die Natur besser zu verstehen?
Ja, weil wir heutzutage viel zu leichtgläubig sind, jeder Schlagzeile hinterhergehen, bis sie ein paar Minuten später von einer anderen abgelöst wird. Wir müssen zur Ruhe kommen und wieder auf Fakten vertrauen lernen. Das kann uns in den Zeiten der Fake News nur die Wissenschaft bieten: beobachten und verstehen – ohne Hysterie. In jedem Menschen steckt ein Wissenschaftler, eine Wissenschaftlerin. Diese Begeisterung zu bewahren oder wieder zu entfachen im täglichen Umgang mit und in der Natur ist eine große Pflicht und Verantwortung für uns alle.

Welches Anliegen haben Sie an die Forschung?
Raus aus dem Elfenbeinturm, ran an die Menschen, weg mit dem Misstrauen. Wohlgemerkt, das beruht auf Gegenseitigkeit! Wir brauchen uns alle, egal ob im Labor, im Büro oder im Fernsehstudio. Nur gemeinsam und mit gegenseitigem Respekt sind die Aufgaben der Zukunft zu meistern. Man muss sich zuhören und streiten dürfen. Alle müssen ihre Bubbles verlassen und Neugierde für die jeweils anderen entwickeln.

Was sollten Studierende unbedingt an einer Universität lernen?
Eine Mischung aus Theorie und Praxis. Wenn ich sehe, wie geil die österreichische Arktisstation ist, dann denke ich, das ist genau der Weg: offen sein für das Leben, die Menschen, die Natur und durchlässig, fächerübergreifend. Wissenschaft muss in erster Linie für den Menschen sein, nicht für den Geldbeutel, Konzerne oder durchgeknallte Silicon Valley Milliardäre. Um diese Unabhängigkeit zu bewahren, braucht es die Universitäten, sozusagen als moralischen Überbau. Aber vielleicht nicht in dem Maße als Gebäude für ausschließlich staubige Theorie. Man muss ja zum Beten auch nicht immer in eine Kirche gehen :)

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