AUSSENSICHT
Feld-Forschung
Die Quereinsteiger-Landwirtin und preisgekrönte Agrar-Influencerin Madeleine Becker erreicht als frau_freudig auf Instagram 120.000 Menschen. Sie setzt sich für Biodiversität, Nachhaltigkeit und gegen Konsumrausch ein. Mit der UNIZEIT spricht sie über den verloren gegangenen Bezug zur Natur und ihre Wünsche an die Wissenschaft.

Madeleine Becker studierte Geschichte, Politik- und Kommunikationswissenschaften. Die Bloggerin und Autorin lebt auf einem Bauernhof in der Weststeiermark. Kürzlich erschien ihr drittes Buch „Gekommen, um zu bleiben: Unser Haus im Wald – von Hühnern, Hürden und dem Zauber eines Neuanfangs“.
Sie sind einerseits Bäuerin, andererseits Autorin und Influencerin. Wie stark ist Ihre berufliche Verbindung zur Natur?
Meine Verbindung zur Natur ist sowohl beruflich als auch privat sehr stark ausgeprägt. Selbst auf Social Media bringe ich überwiegend Pflanzen und Tiere auf den Bildschirm. Gerade bei der Landwirtschaft ist diese Beziehung noch intensiver – ich würde sie fast als Abhängigkeit bezeichnen. Wenn das Wetter nicht mitspielt, können wir uns auf den Kopf stellen. Heuernte, der Beginn der Weidesaison, Almauftrieb – all das sind Dinge, die wir nicht erzwingen können. Man muss sich stark anpassen – etwas, das unsere Gesellschaft glaube ich heutzutage massiv verlernt hat. Meist möchte man es ja lieber andersherum haben: die Natur dem eigenen Willen unterwerfen. Aber so funktioniert das nicht.
Was bedeutet Natur für Sie?
Natur ist für mich ungeheuer wertvoll. Es ist ein ständiges Neu-Entdecken, Etwas-Dazulernen, Beeindruckt-Sein und ein bisschen Zur-Ruhe-Kommen. Es ist unmöglich, alles als „schon einmal gesehen“ abzuhaken, denn da draußen passiert ständig irgendetwas. Leider haben wir den Blick für die kleinen Dinge verloren, weil das Leben zumeist viel zu laut und zu schnell ist. Just in diesem Moment, während ich diese Frage beantworte, beobachte ich drei kleine Kohlmeisen, wie sie an meiner Rosenpflanze sitzen und Blattläuse herunterpicken. Das habe ich so noch nie gesehen – und lässt mich jetzt auf jeden Fall kurz innehalten und lächeln.
Witterung und Schädlinge sind schon für Hobby-Gärtner:innen eine Herausforderung. Kann man sich als Landwirtin Resilienz aufbauen?
Ich habe mir in den letzten Jahren eine gewisse Gelassenheit angewöhnt, denn die meisten Dinge kann ich eh nicht ändern. Das gilt ganz besonders für die Witterung. Was die Schädlinge angeht, so baue ich auf ein gewisses Teamwork. Die eben erwähnten Blattläuse werden eigentlich von einer Heerschar Marienkäfer in Schach gehalten, und manchmal setze ich auch eine Ladung Florfliegen im Gewächshaus aus. Tja, und anscheinend unterstützen mich auch die Kohlmeisen ;). Solange Kohlweißlingraupen, Schnecken und Co nicht komplett den Garten überrennen, lasse ich sie auch ganz gerne mal gewähren. Ansonsten freuen sich die Hühner über eine Extra-Portion Futter.
Ihr erstes Buch trägt den Untertitel „Vom Hörsaal in den Kuhstall“. Wenn Sie als Vortragende zurück an die Uni kämen, was würden Sie Studierenden als Erstes vermitteln?
Ich würde wohl mit einer langen Liste an beeindruckenden Fakten aus der Tier- und Pflanzenwelt anrücken (und die können es vom Unterhaltungswert durchaus mit der einen oder anderen Netflix-Serie aufnehmen) und so versuchen, ihnen all das ein bisschen näherzubringen. Wertschätzung und Neugierde zu steigern – und einfach zu sagen: Hey, schau doch mal, was hier direkt vor deiner Haustür passiert! Es muss nicht immer die Reise um den halben Globus sein, die uns ein „Oh, wie schön ist die Natur!“ entlockt.
In Ihrem Blog kritisieren Sie die Konsum- und Wegwerfgesellschaft. Wie lernen wir einen respektvollen Umgang mit Ressourcen?
Mein erster Antwortimpuls wäre „Gar nicht“, aber das scheint mir ein wenig zu ernüchternd zu sein. Sagen wir so: Es bräuchte sehr viel mehr Nähe zu den Abläufen. Mehr Wissen darüber, wie viel Aufwand und Energie hinter einer Jeans oder einem Stück Butter stehen, wie viel Teamarbeit und welche Mechanismen in einem Glas Honig stecken. In der heutigen Zeit haben wir den Bezug zu den Lebensmitteln und allen anderen Produkten völlig verloren, weil sie in den meisten Fällen nicht sehr teuer und vor allem ständig und überall verfügbar sind. Warum sollte man sowas dann im Alltagstrott auch hinterfragen?
Wir haben vor einigen Jahren, damals noch auf dem schwiegerelterlichen Milchviehbetrieb, einmal Butter aus unserer eigenen Rohmilch gemacht. Es war eine Schinderei, denn wir haben es per Hand in einem alten, fast schon antik anmutenden Butterfass gemacht. Wie viel Milch dafür draufgegangen ist und wie viel Arbeit dahintersteckt, ganz ehrlich, seitdem habe ich da einen komplett anderen Blick drauf,
Glauben Sie, dass Universitäten in der Lage sind, dazu einen Beitrag zu leisten?
Ehrlich gesagt glaube ich, dass der Ansatz dafür viel früher stattfinden müsste, am besten in der Volksschule. Es braucht eine gute Grundlage, um den Bezug zur Natur und den respektvollen Umgang mit Ressourcen gar nicht erst zu verlieren. Ich würde mir manchmal wünschen, dass die Schulen da viel näher an der Lebensrealität der Kinder unterwegs sind. Warum muss man über mehrere Stunden die Anatomie des Pantoffeltierchens durchexerzieren, wenn man mit einem Ausflug in den Wald die Natur hautnah erleben könnte?
Wenn Sie der Universität Graz einen Forschungsauftrag für Sie ganz persönlich erteilen könnten: Was wäre das?
Ich habe vor kurzem mit „Wild & Wahr“ auf meinem Account begonnen, „das Format, in dem du das erfährst, was man dir im Biounterricht immer verschwiegen hat“. Da geht es um Liebespfeil schießende Weinbergschnecken, warum ein Stück Totholz mehr Lebewesen beherbergen kann als ein Wiener Hochhaus und um Mörtelwespen, die für ihre Larven kleine Proviantpäckchen aus betäubten Spinnen packen. Kurzum: die skurrilsten aller skurrilen Fakten aus dem Tierreich. Ich liebe solche Geschichten und kann gar nicht aufhören, weiter zu recherchieren. Also wenn ich mir einen Forschungsauftrag backen könnte, dann wohl diesen 😄 Ich wäre sofort dabei.
Greifen Sie in Ihrer Arbeit als Landwirtin auf wissenschaftliche Erkenntnisse zurück?
Klar, die Arbeit auf einem landwirtschaftlichen Betrieb, selbst auf einem Hobbybetrieb, wie wir ihn führen, ist ja nichts Statisches. Man wird immer wieder vor neuen Herausforderungen stehen oder in Situationen kommen, wo die Das-haben-wir-bisher-immer-so-gemacht-Methodik an ihre Grenzen stößt. Da suche ich mir dann gerne mal die entsprechende Fachliteratur raus – wobei ich hier direkt anmerken muss, dass auch diese oftmals viel zu sehr auf die Konsum- und Wegwerfgesellschaft ausgerichtet ist. Es war beispielsweise richtig schwer, den normalen Futterbedarf einer Sau ausfindig zu machen, die man weder mästen noch zur Zucht verwenden will, einfach für ein Schwein, das Schwein sein darf. Da fehlt mir ehrlich gesagt.